Andrea Maria Schenkel: Bunker

knvmmdb-41.dllRund 800 000 Bücher wurden von Andrea Maria Schenkels ersten beiden Romanen „Tannöd“ und „Kalteis“ bisher in Deutschland verkauft. Beide Kriminalromane wurden bereits in 16 Sprachen übersetzt und hierzulande mit etlichen Preisen ausgezeichnet. „Tannöd“ wird gerade verfilmt. Mit einem solchen Polster sollte der dritte Roman eigentlich kein Wagnis mehr sein und doch hat sich Schenkel hier auf etwas gänzlich Neues eingelassen.

In „Tannöd“ erzählte sie von einem grausigen Mord an einer bayrischen Bauersfamilie in den 20er Jahren. In „Kalteis“ nahm sie sich dem Fall eines Frauenmörders an, der im München der Dreißiger Jahre sein Unwesen trieb. Beide Geschichten beruhten auf historischen Fällen und glänzten durch Vielstimmigkeit, durch ein geschicktes Arrangement der Erzählstränge, durch ständige Perspektivwechsel.

In ihrem neuen Roman „Bunker“ hat sich Schenkel für einen ganz anderen, einen fiktiven Stoff entschieden und ihn – auch das ein Novum – deutlich näher ans Hier und Heute gerückt. Es ist das Jahr 1991. Im Radio läuft gerade die Meldung über Neonazis, die in Hoyerswerda ein Asylantenheim angreifen.

Derweil überfällt ein Mann abends eine Autovermietung. Es ist nur noch eine Angestellte im Büro. Er will Geld, aber sie hat keinen Schlüssel für den Tresor. Der Räuber fesselt die Frau und verschleppt sie in eine verfallene Mühle im Wald, zu der auch eine Art Luftschutzbunker gehört. Er bringt ihr zu essen und lässt sie in Ruhe. In einer Kommode findet sie ein Bild von sich und ihrem kleinen Bruder Joachim, der verschwand, als er noch ein Kind war. Das Bild stand in ihrem Bücherregal. Ihr Entführer konnte es nur von dort genommen haben und das hieß: Er war in ihrer Wohnung. Ein Fluchtversuch scheitert. Sie kehrt freiwillig zur Hütte zurück. Er setzt sie unter Drogen, weil sie sich schwere Verbrennungen zugezogen hat. Als sie später im Delirium einen hanebüchenen Plan ausheckt, wie ihr Entführer doch noch an sein Geld kommen könnte und er einwilligt, läuft das Ganze schließlich komplett aus dem Ruder.

Schenkel springt kapitelweise vom einen zum andern, schildert die Situation aus Opfer- und Tätersicht, gräbt sich jeweils tief in die Psyche ihrer Figuren. Eingeflochten in die – auch typographisch voneinander abgesetzten – Monologe der beiden Protagonisten hat Schenkel zudem eine nüchterne Erzählstimme, die von der Ankunft der Krankenwagen und dem Verarzten einer tiefen Bauchwunde berichtet. Die Stimme erzählt über die 120 Seiten des Romans verteilt immer wieder vom Ende des Martyriums, ohne zu verraten, wie es ausgeht, erzählt vom Einbrechen der rationalen Welt in einen Alptraum.

„Also mich fasziniert das schon: das Verbotene, das Mysteriöse, das Geheime, das Nichtalltägliche“, sagte Schenkel einmal in einem Interview und diese Faszination merkt man auch ihrem dritten Buch im besten Sinne an.

Die Entführte wird von Schuldgefühlen geplagt, ausgelöst durch den Anblick des Kinderfotos. Als damals ihr Bruder verschwand, belastete sie gegenüber der Polizei Hans, den Dorftrottel, der immer Anschluss an ihre Kinder-Clique gesucht hatte. Der wurde seinerzeit in ein Heim gesteckt. Nun meint sie, ihr Entführer könne der aus dem Knast zurück gekehrte Hans sein. Das ist die einzige, für sie nachvollziehbare Erklärung dafür, warum er sie verschleppt haben sollte. Also nennt sie ihren Entführer fortan Hans.

Der aber scheint von seiner Tat nicht weniger überrascht, als sie. Sein Opfer hat er schon länger beobachtet. Er wohnt gegenüber. Die Mühle gehörte seinen Eltern. Schon sein Vater, ein alter Säufer, schloss hier immer wieder seine Mutter für mehrere Tage ein.

Er: „Sie ist wie Mutter. Sie erinnert mich an Mutter. Sie kann auch nicht alleine sein. Wie Mutter hat sie mich angefleht, sie nicht allein zu lassen. Wie Mutter. Nein, ich bin nicht so ein Schwein wie er. Ich will nicht so ein Arschloch sein. Ich bleibe hier. Ich lasse sie nicht allein. Sie braucht mich, wie Mutter mich brauchte, wenn Vater sie geschlagen hat und wie Mutter mich gebraucht hätte, als Vater sie in der Mühle einschloss.“

 Sie: „Das war kein Zufall. Er folgt einem Plan. Er muss geplant haben, mich mitzunehmen. Das Foto spricht dafür. Warum sonst das Foto? Das ist der Schlüssel. Ich muss es aus ihm heraus bekommen. Aber wie? Indem ich mit ihm spreche, eine Verbindung zu ihm aufbaue. Je stärker die Verbindung zwischen uns ist, desto schwieriger wird es für ihn, mich umzubringen. Umgekehrtes Stockholm-Syndrom sozusagen.“

In dieser Szene zeigt sich eine Schwäche des aktuellen Romans, den Schenkel auf kleinstem Raum mit einem schlanken, konzentrierten Plot inszeniert. Die Figuren benennen ihre möglichen Beweggründe, formulieren eine innere Entwicklung, doch nimmt man sie ihnen nicht so recht ab. Als Leser ist man in den Köpfen der Protagonisten, sieht, wie sich die Situation mal von der einen, dann wieder von der anderen Seite her zuspitzt, zu entgleisen droht. Hier gelingt Schenkel zwar immer wieder eine intensive Atmosphäre und doch hängen die Figuren, die da verzweifelt versuchen, dem Geschehen Sinn abzugewinnen, in der Luft, sind etwas zu eindimensional geraten, haben zu wenig Substanz. Dennoch hat Andrea Maria Schenkel mit „Bunker“ einen durchaus lesenswerten Kriminalroman vorgelegt, weil sie, gerade mit Blick auf die in den vergangenen Jahren aufgedeckten, realen Fällen dieser Art, keine Erklärung liefert und eben nicht die gängigen Muster bedient.

Andrea Maria Schenkel: Bunker. Edition Nautilus. 122 Seiten, 12,90 Euro.

 (c) Frank Rumpel

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