Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

knvmmdb-39.dllReis und schwarze Bohnen. Jeden Tag. Andere Lebensmittel waren während der kubanischen Krisenjahre der Neunziger unerschwinglich teuer.
„Der Mangel“, schreibt der in Havanna lebende Autor Leonardo Padura, „war fast schlagartig zum Dauerzustand geworden. Jeder Gegenstand, jede Dienstleistung bekam einen nie gekannten Wert und verwandelte sich in der allgemeinen Unsicherheit in etwas völlig Neues.“

In der Not machte sich manch ehemals Wohlhabender daran, seine Bibliothek zu veräußern, um sich auf dem Markt mit Fleisch und Gemüse eindecken zu können. „Hunderte von Privatbibliotheken verwandelten sich nach und nach in vulgäres Papier einer anderen Art, in stinkende, rettende Geldscheine.

Mario Conde kann sein Glück kaum fassen, als er in einer herunter gekommenen Villa in die Bibliothek geführt wird. Eine Goldgrube ist es, die da in Leder gebunden in den Regalreihen schlummert. El Conde, den Padura-Leser bereits aus fünf voran gegangenen Romanen kennen, war zwölf Jahre lang Polizist, bis er den Dienst quittierte, weil er sich zu sehr der Wahrheit und zu wenig den Staatsinteressen verpflichtet fühlte. Seither handelt er mit antiquarischen Büchern, wobei er mehr an den Geschichten zu den Büchern, als an großen Gewinnen interessiert ist. Einen „Erinnerungsfetischisten“ nennen ihn seine Kumpels, mit denen er allabendlich Rum trinkt und die Gerichte von Josefina, der Mutter seines Freundes, genießt, die aus den wenigen, verfügbaren Zutaten Schmackhaftes zaubert.
Die Villa, so erfährt er von den Verwaltern, gehörte einer Aristokratenfamilie, deren letzter Spross 1959 nach dem Sturz des Diktators Fulgenico Batista durch Fidel Castro aus Kuba floh und kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Mutter des Geschwisterpaares war seine Haushälterin und Vertraute, so dass zunächst sie und schließlich ihre Kinder den Besitz pflegten. Nun aber sollen angesichts drohenden Hungers die wertvollen Bücher zu Geld gemacht werden.

In den Regalreihen der Bibliothek stößt Conde auf ein altes Kochbuch und findet darin einen Zeitungsausschnitt über die in den Fünfzigern berühmte Bolerosängerin Violeta del Río. Sie nahm in jenen goldenen Jahren des Boleros nur eine Schallplatte auf und verschwand auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. El Conde ist fasziniert von der Frau. Er beginnt nachzuforschen, doch scheint sich keiner an sie zu erinnern. Als der Hausverwalter Dionisio Ferrero, ein alter Revolutionär, ermordet in der Bibliothek gefunden und Conde der Tat verdächtigt wird, intensiviert er seine Nachforschungen und stößt tatsächlich auf ehemalige Bekannte der Sängerin. Die verkehrte mit den Unterweltgrößen der Insel, mit denen auch der Besitzer jener Bibliothek Kontakt hatte.

Mit großer Leichtigkeit spannt Padura den Bogen von den Neunzigern zurück, kontrastiert das vorrevolutionäre Havanna mit dem von Heute und macht deutlich, dass die Karibikinsel damals längst nicht nur ein Paradies für Nachtschwärmer war, sondern auch für die Mafia, die Clubs, Spielhöllen und Bordelle kontrollierte. „Der Nebel von gestern“ ist, wie schon seine Vorgänger, ein Kriminalroman und ist es auch wieder nicht. Padura nutzt die Krimi-Elemente als Motor für ein vielseitiges Gesellschaftsportrait. Er stellt dem in den Erinnerungen von Condes Gesprächspartnern glorifiziertem Havanna der Fünfziger die mit scharfem Strich gezeichneten Bilder einer maroden Stadt und ihrer Bewohner gegenüber.

Häuser kurz vor dem einstürzen, überquellende Mülleimer, Horden streunender Hunde, Straßenverkäufer, die laut schreiend Avocados, Besen, Wäscheklammern, Batterien, Klos aus zweiter Hand und Brennholz fürs Herdfeuer feilboten, vom Leben hart gewordene Frauen, streitsüchtig wie aufgeklappte Messer. El Conde überkam das Gefühl, die Grenzen zum Chaos überschritten zu haben, zu einer Welt am Rande einer kaum noch aufzuhaltenden Apokalypse.

Kuba zehrt bis heute vom Glanz vergangener Tage, ist nach wie vor Projektionsfläche und touristischer Sehnsuchtsort. Padura aber erzählt mit Leidenschaft und Intensität vom alltäglichen Leben auf der Insel, erzählt von einem Kuba jenseits aller Zuschreibungen, ohne dabei in Tristesse zu verfallen. Dass darüber die Kriminalgeschichte etwas durchsichtig geraten ist, lässt sich bei diesem Autor ohne Weiteres verschmerzen.

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, 364 Seiten, 19,90 Euro, Taschenbuch: 10,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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