Pieke Biermann: Der Asphalt unter Berlin. Kriminalreportagen aus der Metropole.

knvmmdb-97.dllZwölf Jahre ist es her, seit Pieke Biermann ihren bisher letzten Kriminalroman veröffentlichte. Jetzt ist beim Pendragon-Verlag ihr neues Buch erschienen – kein Kriminalroman, sondern literarische Kriminalreportagen, die ihresgleichen suchen. Pieke Biermann interessiert sich dabei nicht für die in den Medien breit getretenen, für die spektakulären oder oft auch nur zum Spektakel hochgejazzten Verbrechen. Sie kümmert sich lieber um jene Vergehen, über die nicht geredet wurde, die sich jenseits einer breiten Öffentlichkeit abspielten. Die Berliner Autorin sucht nach den Menschen hinter einem Kriminalfall. Sie spricht mit Opfern, Zeugen, vor allem aber mit jenen, die professionell mit Kriminalität zu tun haben: Polizistinnen und Polizisten, die Einblicke in ihre tägliche Arbeit geben.

Der Band versammelt eine Auswahl von 28 Kriminalreportagen, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Seit 2003 wurden und werden sie einmal im Monat im Info-Radio Berlin-Brandenburg gesendet und im Tagesspiegel veröffentlicht. Sie funktionieren in beiden Medien bestens. Es sind hoch konzentrierte Destillate, emotionale Sprengfallen, weil sich hinter vielen Sätzen weitere Geschichten verbergen. Biermann operiert sprachlich nicht mit Bagger und Planierraupe, sondern mit Pinzette und Tupfer – und legt dennoch den Finger in die Wunde sozialer und gesellschaftlicher Missstände, nähert sich den Fällen stets auf mehreren Ebenen. Sie interessiere sich, sagt Biermann, bei einzelnen Delikten für deren „humane, soziale, kulturelle und politische Dimension“. Ihre Themen geht die Autorin, wie sie in einem Interview mit dem WDR sagte, weniger als Journalistin, denn als Schriftstellerin an.

„Ich arbeite da journalistisch, aber ich bin nicht wirklich Journalistin. Ich bin Schriftstellerin und so gehe ich da ran. Ich sauge mich voll mit Geschichten, lasse mich leiten von Instinkten und von Neugier. Das große Problem beim Schreiben ist dann, dass ich ein Material- und Produktverhältnis habe – wenn man`s mal so schnöde ausdrücken will – von ungefähr tausend zu eins. Ich habe unglaublich viel Stoff und muss den immer sehr eindampfen.“

Die Hörer und Leser ihrer Reportagen profitieren von dieser aufwändigen Produktionweise, denn die merkt man den Texten im besten Sinne an. So zeichnet sie beispielsweise in „Selbst Schuld und tschüss“ den schmerzhaften Weg von Martina Schneider nach, die glaubte, sie habe mit einem Mann, von dem sie ein Kind erwartete, ihr Glück gefunden. Der aber machte sich aus dem Staub. Er hatte sie wissentlich mit Aids angesteckt und für Martina Schneider begann ein Martyrium. Biermann erzählt von den mühsamen Versuchen, zunächst einmal mental wieder auf die Beine zu kommen, von einem Bürokratiewust, fehlender Information und später Hilfe. Dafür braucht sie gerade mal sieben Buchseiten. In anderen Texten berichtet sie von polizeilicher Spurensuche im ehemaligen Stasigefängnis Hohenschönhausen, vom manchmal eben doch lebensgefährlichen Job eines Gerichtsvollziehers, von der schier unglaublichen Leistung polizeilicher Spürhunde und ihrer Ausbilder, von den realen Auswirkungen virtueller Betrügerei oder von einer jungen Frau, deren Leben gerade einigermaßen rund zu laufen begann, als sie spurlos verschwand. Der Serienmörder, dem sie mutmaßlich zum Opfer fiel, interessiert Biermann dabei nur am Rand. Eindrucksvoll aber schildert sie, wie die Eltern der jungen Frau mit dem Verschwinden ihrer Tochter und den im Lauf der Ermittlungen ans Tageslicht geschwemmten Fakten klar kommen.

„Der Asphalt unter Berlin“ ist ein substantielles Leseerlebnis, weil es einem viel über Menschen, ihren Alltag und einiges über unsere Gesellschaft verrät. Die Reportagen liefern Einblicke in wenig bekannte, gelegentlich unspektakulär wirkende Polizeiarbeit und thematisieren so auch die Auswirkungen öffentlich kaum wahrgenommener Kriminalitätsfelder. Damit leisten die Reportagen durchweg das, was gute Kriminalliteratur gelegentlich auf einer anderen Ebene schafft: Neue Horizonte öffnen und Denkanstöße geben. Und dann ist da noch dies: Durch ihre jahrelange Arbeit am Thema, sei sie nun, sagte Biermann, „bis zum Platzen voll“ mit literarischem Stoff. Das sind ganz ausgezeichnete Nachrichten.

Pieke Biermann: Der Asphalt unter Berlin. Kriminalreportagen aus der Metropole. Pendragon-Verlag, 256 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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