Deon Meyer: Weißer Schatten

knvmmdb-103.dll„Weißer Schatten“ ist das fünfte und bisher politischste Buch des südafrikanischen Autors Deon Meyer. Eingewoben in diesen hoch spannenden Kriminalroman, sind eine Vielzahl weiterer Geschichten. Da geht es etwa um ungeklärte Besitzverhältnisse und Landforderungen schwarzer Stämme im Kruger-Nationalpark, um militante Naturschützer und es geht immer wieder um Zuschreibungen, Pauschalisierungen und altes Misstrauen zwischen Schwarzen und Weißen.

„Hier“, sagt ein weißer Wildhüter, „ist noch altes Südafrika. Nein, das stimmt nicht ganz. Die Ansichten aller – Schwarzer, wie Weißer – sind noch altes Regime, aber die Probleme gehören zum neuen Südafrika. Und das ist eine unangenehme Kombination. Rassismus und Fortschritt, Hass und Kooperationen, Verdächtigungen und Aussöhnungen. Das passt alles nicht gut zusammen. Und dann sind da das Geld und die Armut. Und es sind nicht nur die Schwarzen. Die Gier kennt keine Farbe.

Aber der Reihe nach. Für seinen Kriminalroman hat sich Deon Meyer einen weißen Bodyguard namens Lemmer zum Ich-Erzähler gewählt. Lemmer gehört nicht zur Riege der Gorillas, bei denen es vor allem darum geht, Präsenz zu zeigen, sondern zu den unscheinbaren, im besten Fall unsichtbaren Beschützern, die sich dezent im Hintergrund halten. Er redet nicht gern, was nun schlecht zu einem Erzähler passt, der mal schnell eine 400 Seiten-Story vom Stapel lässt – aber auch dafür liefert Meyer eine Erklärung. Lemmer mag seinen Job, auch wenn er an einem etwas lauem Selbstwertgefühl krankt. Bei der Arbeit, wie im täglichen Leben hilft er sich mit selbst formulierten Geboten. „Nicht einmischen“, lautet das erste. Und das Zweite: „Trau niemandem“. Bei seinem aktuellen Auftrag kommt zunächst auch Lemmers drittes Gebot zum Tragen. Es betrifft ganz pauschal kleine Frauen: Traue ihnen niemals, weder beruflich, noch persönlich.

Lemmers weiße Auftraggeberin, die resolute Emma le Roux ist eine kleine und noch dazu attraktive Frau. Ihr Bruder verschwand vor zwanzig Jahren. Kurz darauf kamen ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Als Emma, deren Vater als Waffenproduzent gute Geschäfte mit der Apartheidregierung machte, in den Fernsehnachrichten einen Fahndungsaufruf der Polizei sieht, glaubt sie, der Gesuchte könnte ihr Bruder sein. Er soll im Kruger Nationalpark vier Wilderer erschossen haben. Sie meldet sich bei der Polizei und wird kurz darauf von drei Maskierten in ihrer Wohnung überfallen. Sie entkommt und beschließt, ihren verschollenen Bruder zu suchen. Sicherheitshalber engagiert sie dafür Lemmer.

Die Polizei in Person des schwarzen Inspectors Jack Phatudi tritt den beiden misstrauisch gegenüber, so dass Emma und Lemmer auf eigene Faust ermitteln. Entsprechend schnell spitzt sich die Lage zu und Lemmer bekommt einiges zu tun. Als sie am hellichten Tag auf dem Highway ein Scharfschütze unter Feuer nimmt und Emma lebensgefährlich verletzt, weiß Lemmer endgültig nicht mehr, wem er noch trauen kann. Hinzu kommt das drängende Gefühl, als Bodyguard versagt zu haben. Also macht er sich selbst auf die Suche nach den Tätern und nach Emmas verschollenem Bruder, obwohl er schon ahnt, dass hier durchaus auch der Geheimdienst seine Finger im Spiel haben könnte.

Der 50-jährige, in Afrikaans schreibende Deon Meyer liefert bei aller Geradlinigkeit, mit der er erzählt, komplexe, scharfkantige Kriminalromane, mit glaubhaften und genau gezeichneten Figuren, in die er sich einfühlt und denen er Raum lässt, sich zu entwickeln. Für den Autor ist seine Heimat Südafrika weit mehr, als nur exotische Kulisse, die da mit weiten Landschaften und wilden Tieren aufwartet und es ist auch mehr, als nur die stetig schwelenden, gesellschaftlichen Konflikte. Beides spielt eine Rolle, aber im Wesentlichen interessieren ihn die Menschen und das meint bei ihm keineswegs klischeehafte Verkürzung. So ist auch Lemmers Selbstjustiz im vorliegenden Band nicht nur Ausdruck eines männlichen Machismos, sondern ein Bild für die gesellschaftliche Zersplittertheit des Landes, der mit einfachen Antworten nicht beizukommen ist. Einfache Antworten versucht der Autor auch gar nicht zu liefern. Die Auflösung des Falles ist kleinteilig. Die grundsätzlichen Probleme bleiben. Meyers schreibt auf der Höhe der Zeit und ist in „Weißer Schatten“ besser, denn je.

Deon Meyer: Weißer Schatten. Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann. Aufbau Verlag, 421 Seiten, 9,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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