Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

knvmmdb-4.dllEine Idylle nennt der in Wien aufgewachsene, seit einigen Jahren in Stuttgart lebende Autor Heinrich Steinfest die Anfangsszene seines neuen Romans und meint damit das klar geregelte, distanzierte Verhältnis von Wirt und Gast, in diesem Fall, dem Wirt Job Grong und seinem Gast Vinzent Olander.

Olander lebt seit drei Jahren in Hiltroff, einem fiktiven, österreichischen Ort mit einem See namens Mariaschwarz, wo er eine Art perfektionierten Alkoholismus betreibt. Jeden Nachmittag trinkt er schweigend, in strikter Reihenfolge acht Gläser Hochprozentiges und geht früh zu Bett. Dieses Wirt-Gast- Verhältnis bekommt einen Riss, als Grong Olander vor dem Ertrinken rettet. Aus Dankbarkeit erzählt der ihm, er suche in Hiltroff sein Kind, das bei einem Autounfall in Mailand entführt wurde. An dieser Geschichte allerdings, das wird schnell klar, stimmt nur wenig. Heinrich Steinfest charakterisiert seinen Protagonisten so:

„Olander ist ein, denk ich mal, für meine Verhältnisse ganz normaler Mann, der aber durch die Umstände des Schicksals etwas verbogen wird und – ja, wir erleben ihn am Anfang des Romans in diesem verbogenen Zustand und werden nach und nach darüber informiert, wie es eben zu dieser Art des Verbogenseins gekommen ist“.

Als im See ein Skelett gefunden und Olander verdächtigt wird, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Die mafiosen Verstrickungen einer Mailänder Firma, die in Hiltroff produzieren lässt, spielen ebenso eine Rolle, wie ein Ensemble Plastikfiguren und der feste Glaube der Hiltroffer, im See lebe eine Art Nessie.

 „Es ist mein Blick auf die Welt“, sagt Steinfest. „Ich meine, man kann die Welt in ihrer Normalität wahrnehmen oder man kann sie in ihren abstrusen und grotesken Zügen wahrnehmen.“

Diese grotesken Züge äußern sich bei Steinfest in einigen phanstastisch anmutenden Momenten, in denen er das Unmögliche mit dem Unwahrscheinlichen vermengt und es als realitätsnahe Melange verkauft. Es zeigt sich aber vor allem in seiner Sprache. In „Mariaschwarz“ läuft die Steinfest’sche Bildmaschine mal wieder auf Hochtouren. Da kommen die Worte eines Sterbenden so zögerlich „als müsse der die Buchstaben stricken“. Reisende, die an ihren Laptops arbeiten, sehen bei ihm aus, „als würden sie Kochplatten auf ihren Schenklen balancieren und Eierspeisen zubereiten. Eierspeisen, die um die Welt gingen.“ Selbst das Nichts bekommt bei ihm Kontur.

Nun, sie wussten gar nichts. Aber auch dieses Nichts besaß eine beträchtliche Fülle, ein Potential. Das Nichtwissen besaß einen Bauch, nein, eine Wampe.

Aber funktioniert das, bei aller sprachlichen Verspieltheit, denn auch als Kriminalroman? Steinfest arbeitet mit Genremotiven. Es gibt ein paar Leichen, eine Ermittlung, einen Kommissar und doch müssen eingefleischte Krimileser Flexibilität mitbringen, denn das Schlichte, Unumwundene ist Heinrich Steinfests Sache nicht. Er neigt zu Abschweifungen und gesteht diese auch seinen Figuren zu. Seine Plots sind verschachtelt, erinnern ein wenig an russische Matrjoschkas und die Auflösung des Falles hat einige Lücken. Nichts davon spricht gegen einen Kriminalroman und Steinfest selbst sagt, er nehme das Genre durchaus ernst.

Zentrale Figur ist Inspektor Lukastik, den Steinfest-Leser bereits aus dem Roman „Nervöse Fische“ kennen. Lukastik ist mit Wittgensteins Denken vertraut und pflegt eine famose Arroganz. Steinfest:

„Durch das Auftauchen eines Skeletts in diesem See braucht es einen Ermittler und plötzlich ist eben Lukastik in der Tür gestanden und bis zu diesem Moment war mir nicht klar, dass es dieser Ermittler sein wird.“ 

Das ist auf Seite 120 und zeigt, wie ungewöhnlich dieser Autor mit dem Krimigenre umspringt. Wer also am liebsten Thriller liest, eine geradlinige Geschichte und eine komplette, die Welt ordnende Auflösung braucht, sollte die Finger von diesem Roman lassen. Wer dagegen gerne mal einen Blick auf das Irreale im Realen wirft, ohne sich daran zu stören, dass die Anregungen dazu aus einem Kriminalroman stammen, liegt mit diesem Buch genau richtig.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. 317 Seiten. Piper-Verlag, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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