Rainer Gross: Weiße Nächte

knvmmdb-21.dllNichts zu lachen hat man bei Rainer Gross. Der nimmt sein Thema ernst und das ist diesmal nicht weniger, als eine Suche nach Gott und der Frage, wie einer mit Schuld umgeht, die er sich aus profaner Eifersucht aufgeladen hat. Gut für Theologiestudenten und Priesternovizen, die sich mal belletristisch vergnügen wollen, mag man denken und liegt damit nicht völlig daneben. Denn als Kriminalroman funktioniert das Ganze nur leidlich.

Wie schon in seinem Debüt „Grafeneck“ geht es auch in seinem zweiten Roman um ein lang zurück liegendes Verbrechen, wenngleich es diesmal eher privater Natur ist. Ein namenloser Theologiedozent reist mit einer Studentin ans Nordkap. Sie sind mit Motorrädern unterwegs, zelten, essen Tütensuppen und Wurst aus der Dose. Sie will ihren schwedischen Freund in Lulea besuchen, er eine alte Rechnung begleichen. Vor Jahren hatte er die Reise schon einmal gemacht mit seiner damaligen Freundin Vera und seinem Freund Jan. Das Ganze ging tragisch aus. Vera trennte sich noch während der Reise von ihm und fuhr mit Jan weiter. Bei einer späteren Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern starb Jan. Vera brachte sich ein Jahr später nach einer Abtreibung um.

Mit jedem Kilometer, den der Protagonist weiter nach Norden fährt, die Reise von damals nochmals macht, nähert er sich dieser Geschichte, frischt sie auf mit Erinnerungen, die an den jeweiligen Orten, den Übernachtungs- und Rastplätzen gelagert scheinen. Weil er nicht länger mit der Schuld leben kann, will er sich am damaligen Tatort mit einem Revolver das Leben nehmen.

Seine Gedanken und Beobachtungen notiert er in ein Tagebuch. Diese Aufzeichnungen bilden den Roman. Allerdings verstellt ihm die Vergangenheit den Blick auf die Gegenwart. Der Theologiedozent hat seinen Glauben verloren und braucht eine Reise bis ans Limit, um eventuell wieder einen Sinn im Hier und Jetzt ausmachen zu können.

Deshalb ist „Weiße Nächte“ nicht nur die grüblerische und – das Thema bringt es mit sich – schwermütig geratene Beschreibung einer Reise mit einigermaßen absehbarem Verlauf. Gross’ Protagonist muss genau hinsehen, muss bis ins Kleinste betrachten, um nach und nach zu merken, dass er nichts sieht, ganz egal, wie hell die Sommernächte jenseits des Polarkreises sind. Ganz Alltägliches spielt da eine große Rolle: Tanken, Essen, Waschen, Schlafen, Tee trinken, eine Pfeife rauchen, dem Wetter oder den Mücken trotzen. Daneben stellt er gekonnt verdichtete Momentaufnahmen und die verblassten Bilder von damals, die am Ort des Geschehens wieder an Schärfe gewinnen.

Obwohl der Erzähler einen nah an sich heran lässt, bleibt er dennoch wenig greifbar. Der 1962 geborene Gross hat das Gewicht auf die großen Fragen und weniger auf die Krimihandlung gelegt, denn die ist von Anfang an ziemlich klar und auch reichlich dünn. Ob der Vorfall von damals denn nun Mord oder ein Unfall war, spielt letzlich keine Rolle. Geradlinig läuft die Reise auf den geplanten Freitod hin und der Plot erschöpft sich in der Frage, ob er es schafft, sich aus dem Wust von Erinnerungen zu befreien, sich bis in die Gegenwart vorzuarbeiten oder aber seinem Gewissen in einer weiten Landschaft, in einer hellen Nacht mit einer Kugel im Kopf Ruhe verschafft. Aus diesem Wechselspiel bezieht der Roman im wesentlichen seine Spannung, die allerdings immer wieder zwischen Fjorden, Wäldern und Seen verplätschert. Alles in allem ein zweispältiges Lesevergnügen, bei dem noch am ehesten auf seine Kosten kommt, wer sich lesend sowieso lieber ohne kriminellen Ballast bewegt.

Rainer Gross: Weiße Nächte. Roman. 198 Seiten, Pendragon-Verlag. 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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