David Peace: 1983

knvmmdb-74.dll„1983“ ist das Finale zu David Peace monströsem und unbequemen „Red Riding Quartett“ – eine rabenschwarze Abrechnung mit seiner Heimat Yorkshire und die Zusammenführung der in den drei Vorgängerbänden ausgelegten Fäden.

Das ist es jetzt also: Das Finale des vielfach ausgezeichneten Red Riding Quartetts. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Bücher nicht in Leeds’ Touristeninformation ausliegen oder Hotelgästen auf den Nachttisch gelegt werden. Denn das Bild ist wenig schmeichelhaft, das der 1967 in Yorkshire geborene, aber seit vielen Jahren in Tokyo lebende David Peace von seiner alten Heimat in ihren 70ern und frühen 80ern zeichnet. Der Polizeiapparat ist zutieftst marode und korrupt. Ein kleiner Kreis hat eigene, äußerst lukrative Geschäfte in Sachen Pornohandel und Immobilienspekulation laufen. England steckt in einer Wirtschaftskrise und alles deutet darauf hin, dass die Konservativen mit Margret Thatcher nach 1979 auch die anstehende Unterhauswahl von 1983 für sich entscheiden werden. Zumindest gefühlt herrscht in David Peace’ Yorkshire der Siebziger und Achtziger permanent regnerische Nacht.

1983. Wieder ist ein Kind verschwunden, in Yorkshire, Nordengland. Maurice Jobson, den alle nur die Eule nennen, leitet die polizeilichen Ermittlungen, wie schon vor Jahren, als es ebenfalls um Kindesentführung ging – Fälle, die nicht aufgeklärt wurden. Bei den aktuellen Ermittlungen findet die Polizei schnell einen Tatverdächtigen. Er stirbt in der Zelle, nachdem ihn die Beamten gefoltert haben. Anscheinend Selbstmord. Der Anwalt John Pigott übernimmt den Fall. Er vertritt auch den geistig behinderten Michael Myshkin, der seit Jahren wegen Kindsmord im Knast sitzt. Er sei zu einem Geständnis gezwungen worden, sagt er, wohl um Machenschaften, in die auch Polizeikreise verwickelt waren, zu vertuschen. Die unaufgeklärten Kindsmorde der frühen Siebziger kommen wieder aufs Tablett. Die ganze Vergangenheit kocht hoch. Peace Figuren sind allesamt Getriebene, Gefangene verdrängter Erinnerungen, die sich immer wieder vehement in deren grauen Alltag zwängen.

Peace erzählt 1983 im wesentlichen aus drei Perspektiven: Jobson, Pigott und einem jugendlichen Kriminellen. Das ist selten eine flüssige Geschichte, als vielmehr das gewohnt stakkatohaft raus gekotzte Puzzle, ein Mosaik aus aktuellen Ereignissen, Erinnerungen der Protagonisten, Fetzen von Liedtexten und Nachrichtenmeldungen. Peace arbeitet mit reichlich Wiederholungen, verweist bruchstückhaft auf Ereignisse in vorangegangenen Bänden und verzahnt damit die Geschichte zu einer komplexen, nachtschwarzen Chronik.

Ein Spaß allerdings ist das nicht. Die endlosen Wiederholungen vermitteln diesmal seltener Intensität, dafür öfter mal Statik, die permanenten Verweise auf frühere Geschichten machen das Ganze zudem etwas unübersichtlich und spröde. Ohne einen gelegentlichen Blick in die Vorgängerbände, ist dieser letzte Teil nur schwer zu packen und man fragt sich beim Lesen doch immer wieder, was Peace einem eigentlich gleich nochmals in 1974, 1977 und 1980 für Geschichten aufgetischt hat.

Der Autor erzählt hoch emotional, fieberhaft, atemlos und sprunghaft, indem er den Text kunstvoll zu einem irrwitzigen Kaleidoskop montiert. Das Buch wirkt manisch, wie keines zuvor – für Peace Verhältnisse kaum denkbar. Was heraus kommt ist monströs, unhandlich und dennoch beklemmend und eindringlich. Und das liegt nicht allein daran, dass Peace keine Grenze kennt, dass Gewalt in seinen Romanen allgegenwärtig ist. Es liegt vor allem an dieser konsequent durchgehaltenen Stimmung, die Peace meisterhaft und vielschichtig vermittelt.

„Das Grauen meiner Figuren“, sagte er in einem Interview, „ist das gleiche Grauen, das ich meinen eigenen Person gegenüber empfinde. Für mich gibt es kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse – die Menschen sind sehr, sehr grau.“

Düstere Aussichten. Von der Welt scheint nichts Gutes zu erwarten zu sein. Zumindest nicht von Peace’ Welt, in der man vergeblich nach einem Lichtschalter, oder zumindest einem Lächeln sucht.

David Peace: 1983. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 512 Seiten, Liebeskind-Verlag. 22 Euro. Tachenbuch bei Heyne, 9,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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