Celil Oker: Dunkle Geschäfte am Bosporus

knvmmdb-104.dllIstanbul ist nicht eben ein häufig bemühter Schauplatz im Krimigenre, und es dünnt, vor allem von Deutschland aus betrachtet, noch weiter aus, wenn es um türkische Kriminalromane geht. Der 1952 geborene Celil Oker hat vor neun Jahren – als Pionier auf diesem Gebiet – erstmals einen türkischen Privatdetektiv losgeschickt und ist ihm auch in den folgenden fünf Bänden treu geblieben. „Ich persönlich würde nicht mal im Traum daran denken, einen Roman ohne Privatdetektiv zu schreiben“, sagte er in einem Interview. Die literarischen Vorbilder für seine Figur Remzi Ünal stammen aus den USA der zwanziger und dreißiger Jahre, doch hält sie Oker immer wieder gekonnt auf Distanz. Schließlich muss sich der Ich-Erzähler Ünal in einer Stadt behaupten, in der Detektive auch ganz real keine Rolle spielen. „Unsereins“, sagt er zu seiner Klientin, „ist ein völlig neuer Typ in diesem Land. Die Sorte, die Sie aus den Filmen kennen, hat in Wirklichkeit sowieso kein Mensch je gesehen.“

Der ehemalige Pilot Remzi Ünal soll für eine Geschäftsfrau Geld von einem Schuldner eintreiben. Als er abends in deren Büro sein Honorar abholen will, findet er die Frau tot auf. Daraufhin engagiert ihn der Witwer – ein Politiker mit Machtambitionen – eben diesen Schuldner zu finden. Ünal macht sich an die Arbeit und deckt nach und nach einen ganzen Haufen Ungereimtheiten auf. Es geht um Erpressung, politische Machtintrigen, Schwarzmarktgeschäfte und um einen Detektiv, der versucht, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Remzi Ünal steckt dabei im klassischen Detektiv-Dilemma: wirtschaftliche Not auf der einen, die moralischen Grundsätze auf der anderen Seite. Da ist jeder Auftrag ein potentieller Angriff auf die eigene Integrität und freilich immer auch eine Möglichkeit, mehr Federn zu lassen, als es einem lieb ist. Denn Ünal gerät ständig in Situationen, in denen er mit Reden nicht weiterkommt und Gelegenheit hat zu überprüfen, wie gut seine Aikido-Techniken außerhalb des Trainingsraume funktionieren.

Istanbul und seine Bewohner sind bei Oker nicht nur Kulisse. Sein Detektiv taucht ein in die Stadt und gibt seinen Lesern einen unmittelbaren und unaufdringlichen Einblick ins Istanbuler Leben abseits der touristischen Routen, dabei vieles mit ironischem Blick und leichter Hand kommentierend. Dunkle Geschäfte am Bosporus ist ein solider, unterhaltsamer Kriminalroman, ein lupenreiner Privatdetektivroman und es ist ein Roman über die türkische Gesellschaft, auch wenn Oker, der im Brotberuf eine Werbeagentur betreibt, sich mit politischen Aussagen zurückhält. Die Verbrechen jedenfalls, mit denen es Remzi Ünal in Istanbul zu tun hat – übrigens ohne dabei jemals der Polizei zu begegnen –, könnten so oder so ähnlich überall passieren. Der Detektiv aber ist Teil der Stadt, der die komplexen Regeln, Funktionsmechanismen und Verhaltenscodes kennt, der weiß, wo er sie einhalten sollte und wann es sie zu durchbrechen gilt. Als Schauplatz ist Istanbul attraktiv. Oker hat nun schon wiederholt gezeigt, dass sich dort auch ein Detektiv durchaus zu Hause fühlen kann.

Celil Oker: Dunkle Geschäfte am Bosporus. Ein Fall für Remzi Ünal. (Son Ceset, 2004). Aus dem Türkischen von Nevfel Cumart. Unionsverlag metro 2008. 256 Seiten. 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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