Thea Dorn: Mädchenmörder

knvmmdb-105.dll„Mädchenmörder“ steht auf dem Umschlag. Darunter: „Liebesroman“. Das ist eine provokante Verbindung, die ein doppelbödiges Spiel vermuten lässt, zunächst einmal aber Erwartungen enttäuscht. Kein Kriminalroman also, auch wenn es um einen Mörder geht, sondern ein Liebesroman soll es sein, den uns Thea Dorn da nach bisher vier markigen Krimis präsentiert. Das heißt dann geschicktes Marketing, im Sinne von: Mörder und Liebe – muss ich lesen. Dabei kommt schnell noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, der manch wirklichkeits- und sensationsnah angelegten Romanen gelegentlich das Wasser abgräbt: die Realität.

Thea Dorn hat sich ein heikles Thema vorgenommen: Die Beziehung zwischen einer 19-jährigen und ihrem Entführer. Ihre Geschichte erzählt das ehemalige Opfer selbst, wobei das Buch in drei Teile zerfällt: einen Bericht, eine Sammlung von Briefen und einen Epilog. Im ersten Teil beschreibt die Abiturientin Julia, wie sie entführt, gefangen gehalten, missbraucht und beinahe ermordet wird, wie sie ihren Peiniger, einen ehemaligen Radprofi, auf seiner Flucht durch Frankreich begleiten muss und dabei Zeugin wird, wie ihr Entführer Mädchen und Frauen vergewaltigt und ermordet.

Der zweite Teil besteht aus Briefen an ihren Entführer David und hier ändert sich der Ton dramatisch. Was zuvor der Bericht eines Opfers war, wird nun zu dem einer Mittäterin, die keineswegs das verschleppte Lämmchen ist, sondern sich als aggressive Wölfin entpuppt, die ihrem vermeintlichen Peiniger die Opfer zuspielt, sich an deren Leid und ihrer Macht weidet und die Beziehung zwischen sich und David als Liebe interpretiert.

Im ersten Teil erfüllt Thea Dorn Lesererwartungen und schnell stellt sich heraus, dass dies auch die Intention von Julia ist: denn es handelt sich um ein Buchmanuskript, in dem sie der Öffentlichkeit das Lied des Opfers singt. Dorn lässt ihre Julia dafür entnervend postpubertär daherquasseln, schräge Vergleiche ziehen und sie ständig betonen, dass etwas so schrecklich sei, dass sie das Gesehene höchstens andeuten könne. An Flucht, so betont Julia immer wieder wenig glaubhaft, sei nicht zu denken gewesen, weil ihr Entführer drohte, mit seiner Pistole ein Massaker anzurichten.

In den Briefen fällt die Maske, samt jeglicher Zurückhaltung. Julia entpuppt sich als Psychopathin. „Wem kann ich begreiflich machen, dass ich mit dir die beste Zeit meines Lebens verbracht habe?“, fragt sie in einem ihrer Briefe. In einem anderen formuliert sie die neu gewonnene Freiheit und Macht jenseits von Moral und Gesetz: „Am ehesten lässt sich das Gefühl so beschreiben, dass der Welt die Wirklichkeit abhanden gekommen war. Alles war plötzlich möglich, weil nichts mehr bedeutete, was es in der früheren Welt bedeutet hatte.“ Das freilich führt mitten hinein in den Abgrund. Nachdem sie ihrem David in Lourdes geholfen hatte, eine Nonne zu entführen, die er vergewaltigte und zerstückelte, schreibt sie: „Dieser Sonntag war der glücklichste Tag in unserem Leben.“

Spätestens da wird klar: Die schon mehrfach ausgezeichnete Thea Dorn hat sich weit vor gewagt, sich tief in die Materie eingegraben, packt ordentlich zu und scheint doch alles auf das literarische Spiel mit Erwartungshaltungen zu setzen. Das allerdings ist zu wenig und auch nicht wirklich spannend. Einen Plot sucht man vergebens. Ihre Figuren bleiben blass und platt, deren Motivationen diffus. Die spärlichen Erklärungen, die Dorn liefert, sind wenig glaubhaft. Warum etwa Julias Entführer plötzlich zusammen packt, flieht und zu einer Mordmaschine wird, ist ebenso wenig klar, wie die Begeisterung Julias. Hier wird weder ein Verhältnis, noch eine Entwicklung ausgelotet, sondern allenfalls bruchstückhaft beschrieben.

Der Inzest- und Missbrauchsfall im österreichischen Amstetten holt einen Teil der Fiktion ein, die streckenweise an den Fall Kampusch, aber auch an die der Mädchenmörder Dutroux und Fourniret erinnert. Gerade diesen emotional hoch aufgeladenen Themen aber kommt Thea Dorn mit ihrer Mischung aus verquerem Kriminalroman und literarischer Sensationsbeichte nicht bei. Dafür sind ein paar grelle Schockeffekte deutlich zu wenig, vor allem dann, wenn Nachrichtenmeldungen mal wieder zeigen, wie barbarisch doch das wirkliche Leben sein kann.

Thea Dorn: Mädchenmörder. Manhattan-Verlag. 335 Seiten, 19,90 Euro. Taschenbuch: Goldmann, 8,95 euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.