Manfred Wieninger: Rostige Flügel

knvmmdb-106.dllDer Marek-Miert-Zug rollt. Mit „Rostige Flügel“ legt der St. Pöltener Autor Manfred Wieninger nun bereits den fünften Roman um seinen schwergewichtigen „Diskont-Detetiv“ Marek Miert vor. Der ständig abgebrannte Wiener Ex-Polizist Miert wohnt in einem Abbruchhaus im fiktiven Harland, einer garstigen Stadt im Osten der Alpenrepublik, die, wie es heißt, „am späten Nachmittag voll von begrabenen Hoffnungen und toten Träumen“ ist. Es ist ein düsterer Ort, dieses Harland, in dem sich der Miert vornehmlich dort bewegt, wo es besonders ungemütlich ist.

„In dieser Gegend“, beschreibt der Detektiv und Erzähler seine Wohngegend, „hatten nur mehr die Wettbüros Konjunktur, die Peepshows, die Autobelehnungen, die Huren und die Stricher, die Sozialmärkte und die Sozialarbeiter, die Kreditbüros, die Versicherungsbetrüger und die Einschleichdiebe, die Giftler und ihre Pusher, die Hehler und die Tandler, die Totschläger, die Selbstmörder und die Schizoiden. Wer hier gelandet war, hatte das Beste in seinem Leben hinter sich. Ich war da vielleicht keine Ausnahme.“

Miert, der Melancholiker mit dem Guerillawitz, der eine Schwäche für üppige, österreichische Hausmannskost, samt kostspieliger Bordeauxweine hat und das Herz, trotz ruppiger Art auf dem rechten Fleck trägt, balanciert Tag für Tag auf der Kante zwischen moralischen Grundsätzen und einem leeren Konto, zwischen überleben und untergehen. In dieser permanenten Spannungssituation hat er einen überaus bissigen Galgenhumor zum Überlebensprinzip erklärt. Und der macht dieses düstere Setting dann doch wieder recht apart.

Miert soll im Auftrag der Ehefrau einen Buchhändler beschatten. Seit der sich immer mehr der Nachforschung über Zwangsarbeiter in Harland während der Nazizeit widmet, bekomme er Drohbriefe, zuletzt gar einen gekreuzigten und in einer Schachtel beerdigten Sperling, hatte sie gesagt. Miert macht sich an die Arbeit und kreuzt dabei unfreiwillig den Weg von Wickerl Goritschnig, der einen ganz und gar nicht zimperlichen Privatkrieg gegen Dealer und die in Harland immer mehr Fuß fassende ukrainische Mafia führt, seit seine Großnichte drogenabhängig ist. Die Mafia nutzt als Hauptquartier ausgerechnet jenes Stundenhotel in Mierts Nachbarschaft, dessen Chefin ihm gelegentlich einen Milchkaffee ausgibt, eine nette Geste, für die er sich revanchiert, indem er defekte Glühlampen auswechselt. Die Mafia will auch der Harlander Kripochef Gabloner hopsnehmen und bringt dadurch auch den ungeliebten Miert in Lebensgefahr.

Was sich auf den ersten Blick etwas ungeordnet präsentiert, greift bei Wieninger perfekt ineinander, was genießen kann, wer eine Schwäche fürs Bizarre hat, das sich bei Wieninger allerdings immer ganz nah an der Oberfläche bewegt, zumal der 1960 geborene Wieninger nie nur heiße Luft ventiliert. Die Verbrechen der NS-Zeit und Fremdenhass sind die großen Themen, mit denen Miert es stets zu tun hat.

Der Ton von Wieningers Büchern ist bissig und äußerst wortgewandt. Sein Antiheld ist kein leiser Zeitgenosse und sich seiner Schwächen durchaus bewusst. „Irgendwann“, sagt er, „kommt das Leben mit uns ans Ziel, dachte ich, aber bis dahin sollten wir uns bemühen, keine Ruhe zu geben und dann und wann kräftig umzurühren.“ Das fein ziselierte und psychologisch ausgefeilte ist Wieningers Sache nicht, sondern das etwas grober behauene, das bei genauerer Betrachtung – und die sind seine originellen Bilder allemal wert – nicht weniger aufschlussreich ist.

Bei ihm ist es in der Stadt schon mal „so warm, wie in der Speiseröhre einer Kuh, und durch die Abluft der uralten Chemiefabrik, die den Cord für die meisten europäischen Autoreifen erzeugte, roch es auch annähernd so.“ Ein Gebäude sieht bei Tag aus, „wie ein riesenhafter, grauer Mahlzahn, in den Myriaden von Kariesbakterien fensterähnliche Öffnungen gefressen hatten“. Und nach dem Anblick einer Leiche fühlt sich Mierts Magen an, als hätte er „einen Cocktail aus englischem Rotwein, DDR-Kaffee und rumänischem Spülmittel getrunken“.

Und die rostigen Flügel? Miert verliert diesmal ums Haar nicht nur seine Reputation, sondern auch sein Leben, hat also konkreten Anlass, sich Gedanken über den Tod zu machen. „Ich würde meinem Tod“, sagt er, „keinen Schritt entgegenkommen. Dieser ganze asiatische Gleichmut ist nichts für einen wie mich, ich will etwas spüren, ich will meinetwegen kotzen vor Angst, ich will nicht im Lot sein, schon gar nicht in der Stunde des allerletzten Kampfes, bevor sie mir halt in Gottes Namen die rostigen Flügel aufmontieren.“

Große Klasse und eine unbedingte Leseempfehlung für Leute, die sich gerne mal abseits der Dutzendware amüsieren.

Manfred Wieninger: Rostige Flügel. Haymon-Verlag, 17,90 Euro. Taschenbuch: Unionsverlag, 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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