Antonio Dal Masetto: Noch eine Nacht

knvmmdb-109.dllDas Dorf wirkt verschlafen, gelähmt von der Hitze und dem immergleichen Rhythmus der Tage. Doch der erste Eindruck von Bosque, eben jenem Dorf irgendwo in Argentinien, täuscht. Das bekommen auch die vier Männer zu spüren, die abends anreisen, um am nächsten Tag die Bank zu überfallen. Sie werden nicht behelligt. Der Überfall gelingt und gleichzeitig schnappt eine, bis dahin unsichtbare Falle zu. Die beiden Ausfallstraßen sind blockiert und die Dorfbewohner erwachen trotz der sengenden Mittagshitze aus ihrer Lethargie, ein Rudel Wölfe, das Beute wittert. Ein Anwalt, der Pate des Ortes nutzt die Situation zudem für eine private Abrechnung: er ersticht seine Frau und hängt den Mord den Bankräubern an.

„Dieselbe Sonne, dieselbe Trägheit, derselbe leere Himmel, an dem sich alles aufzulösen schien. Eine Siesta, wie jede andere im Sommer, bis auf die vereinzelten Schüsse und das Brummen des Fords der flüchtigen Bankräuber, der wie ein gefangenes Tier aufbegehrte und sich rastlos hin und her bewegte.“

Als sich der Kreis immer enger schließt, ein Fortkommen immer unwahrscheinlicher wird, trennen sich die Vier. Der Autor begleitet sie einzeln in kurzen Kapiteln, schildert die ausweglose Flucht als eine Abfolge skurriler Situationen, beweist ein sicheres Gespür für Komik, aber auch für die darin lauernden, bitteren Untertöne. Die Protagonisten bewegen sich in einem lebensbedrohlichen Labyrinth, in dem jeder Kontakt gefährlich und jeder Glücksmoment flatterhaft ist.

Da klettert einer über eine Klostermauer, hält den versammelten Novizinnen eine feurige Rede über die Liebe und streckt die Vorsteherin mit einem Kinnhaken nieder. Sein Kumpel versteckt sich in der Besenkammer eines Hauses, studiert die Etiketten der Reinigungsmittel, denkt: „Man lernt nie aus“ und beobachtet durch einen Vorhang die nymphomanische Hausherrin mal mit dem Arzt ihrer blinden Mutter und mal mit dem 12-jährigen Neffen. Der Dritte ruht sich kurz bei einem Kunstschreiner mit Sinn fürs Morbide aus, während der Vierte von Kugeln durchsiebt wird.

Der argentinische, 1938 geborene Autor Dal Masetto schafft eine durchweg bedrohliche Atmosphäre, die durch die Ausflüge ins Groteske nur verstärkt wird. Dem Roman aber verleihen diese Szenen die notwendige Leichtigkeit, schaffen Nähe zu den Protagonisten, die viel zu spät realisieren, in was sie da geraten sind. Dal Masetto schildert sie als einigermaßen friedliebende Menschen, die eine Grenze überschreiten, den Banküberfall aber als Chance für die Zukunft sehen. Sie werden von den Ereignissen überrollt, haben als Einzelne keine Chance gegen einen, über die Maßen gewaltbereiten Mob, der da vielköpfig durch die Straßen patroulliert, der nicht einzuschätzen und nicht greifbar ist, geprägt von Menschen, die nur auf die passende Gelegenheit gewartet zu haben scheinen, um endlich etwas Archaik und Abwechslung in ihr sonst so eintöniges Leben zu bringen.

Dal Masetto hat einen modernen Western im besten Sinne geschrieben, einen Kriminalroman, ein überaus düsteres Gesellschaftsportrait, aber auch ein Lehrstück über bigotte Doppelmoral, über die Dynamik und Manipulierbarkeit einer, von Jagdfieber gepackten, von Gerüchten und Lügen angespornten Meute. Im Namen von Recht und Ordnung setzen die Dorfbewohner für die Jagd alle Gesetze außer Kraft. Masetto erklärt nichts, sondern verlässt sich ganz auf die Kraft seiner Erzählung, die gekonnt komponiert, mit kräftigen Strichen gezeichnet, hoch konzentriert und lebendig ist. Leicht, geradlinig und dialogstark kommt sie daher, lässt ihren Figuren Raum sich zu entwickeln und nutzt diesen, immer wieder polternden Humor, um die Geschichte am Ende noch verstörender zu machen.

Antonio Dal Masetto: Noch eine Nacht. Aus dem Spanischen von Susanne Mende. Surhkamp, 280 Seiten. 8,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

http://www.culturmag.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.