Kurt Lanthaler: Das Delta

knvmmdb-52.dll„Warte ab, bis der Po grau ist. Dann beißt er an, der Aal. Und wart es ab, bis der Tag grau wird. Dann entkommst du ungesehen.“

Vom Aal und von der Flucht handelt Kurt Lanthalers neuer Roman, aber auch vom Ankommen und Verweilen, vom Verlust der Heimat, von den Tücken des Ingenieurberufs, von der Rettung eines festgefrorenen Schweins, von einem Koffer voll baccalà und babà, bresaola und bottarga – also Stockfisch, Hefegebäck, Bündnerfleisch und getrockneten Fischrogen – und freilich vom Delta, handelt es, immer wieder vom Delta des 650 Kilometer langen Po, an der Nordostküste Italiens, vom „Land des Wassers“, wo er aufwuchs, der launische Ich-Erzähler Fedele Conte Mamai.

Als Säugling im Delta ausgesetzt, stolpert ein wortkarger Flussschiffer namens Bombolo – was so viel heißt, wie „kleiner Dicker“ – bei einem seiner seltenen Landgänge über das Bündel und nimmt es an Bord seiner Chiatta. Bombolo trinkt gerne und redet wenig. Und die wenigen Male – sagt Fedele – „kommt es wie eine Litanei aus ihm heraus, eine endlose Kette von Tönen und Hustern, und Brocken und Wörtern, die man nur erahnen, kaum verstehen kann.“ Deshalb lernt Fedele – der Treue – nur mit Mühe sprechen. Er sammelt die Worte aus den Bruchstücken zusammen, die aus Bombolos Mund tropfen. „Ich warte auf sie“, sagt er, „was manchmal Tage dauern kann.“

Von Bombolo lernt er das Aalfischen und die Lektion, dass damit Geld zu verdienen ist. Mit gerade mal zehn oder zwölf Jahren haut Fedele ab, als Bombolo mal wieder dem Wein zuspricht. Er treibt sich in dem hinter dem Deich gelegenen Ort Maierlengo herum und schlägt sich als Aalwilderer durch. Als ein Hochwasser den Ort verschluckt, macht er sich auf den Weg flußaufwärts. Er arbeitet bei einem Jahrmarkt, hilft in den Bergen einen Staudamm zu bauen und versucht sich als Schmuggler. In Genua wird er zum Ingenere, erfindet eine Maschine, die aus Eiern Eistränge macht, auf dass bei Buffets endlich das Weiße und Gelbe gerecht verteilt sei und einem Bekannten hilft er im Delta eine Gasförderanlage zu bauen, als die Zeit dafür längst vorbei ist. „Wir waren nicht die Aasgeier. Die waren schon dagewesen“, erzählt er. „Wir waren die Resteverwerter der Reste, die Maden, die Würmer, die Letzten.“

Fedele kommt weit herum und als er sich schließlich entscheidet, zurück ins Delta zu gehen, wird er von einem Sondereinsatzkommando der Polizei verhaftet. Sein Koffer ist schuld. Man lebt in nervösen Zeiten. Steht ein Koffer am Bahnsteig, denken die Polizisten zuerst an Bomben und Terroristen und kaum an die zwei Hemden und vier Socken, die tatsächlich darin sind.

Kurt Lanthaler ist in Südtirol und damit zweisprachig aufgewachsen. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Kriminalromanen um den kauzigen Privatdetektiv Tschonnie Tschenett. In seinem aktuellen Buch präsentiert er nun eine wilde Geschichte von einem, der das Unstete seiner Heimat widerspiegelt, einer Heimat, die sich verändert, nicht zuletzt, weil deren Bewohner längst nicht mehr mit, sondern nur noch am Delta leben. Mit viel hintergründigem Witz lässt er Fedele seine Geschichte erzählen, schickt ihn durch ganz Italien und lässt ihn doch immer wieder zum Fluss zurückkehren. Die Erzählung ist sprunghaft. Vergangenheit und Gegenwart schieben sich ineinander. Fedele nimmt einen mit, lockt mit seinem ganz eigenen, kantigen und doch sehr musikalischen Sprachrhythmus und weiß mit wenigen Sätzen präzise Bilder zu zeichnen.

Das Essen spielt eine wichtige Rolle. Eher aus der Not geboren entsteht das Rezept einer mit Innereien gefüllten und in der Glut gegarten Schweinsblase. Nicht weniger zufällig kommt das Rezept für die vecia col pist, das Pferdefleischragout zustande, bei dem das Fleisch mit Peperoni, Tomaten, wildem Fenchel und Orangenschale gekocht wird.

Auf 160 Seiten hat Lanthaler seinen Roman komprimiert, hängt eine wundersame Episode an die nächste, ist kritisch und leidenschaftlich. Er fühlt sich ein in die Landschaft und ihre Menschen, hat ein offenes Ohr für die aberwitzigen Geschichten und verschütteten Ideen, die sprachlichen und kulinarischen Eigenheiten. Mit „Das Delta“ hat Kurt Lanthaler mal wieder gezeigt, dass er ein großer, eigenwilliger Erzähler ist.

Kurt Lanthaler: Das Delta. Haymon-Verlag, 17,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.