Gabriel Trujillo Muñoz: Erinnerung an die Toten

knvmmdb-112.dllMiguel Ángel Morgado ist ein Grenzdetektiv. So hat ihn sein Erfinder, der mexikanische Autor Gabriel Trujillo Muñoz genannt und damit eine Figur geschaffen, in der sich all die Gegensätze einer Region spiegeln, in der zwei Welten aufeinander treffen. Denn Morgados Heimat ist das heiße und staubige Grenzland zwischen Mexiko und den USA, genauer zwischen der Halbinsel Baja California und Kalifornien, wo sich mit den Worten Gabriel Trujillo Muñoz „die hispanoamerikanische und die angelsächsische Kultur überschneiden.“

Der Grenzdetektiv ist im Brotberuf Fachanwalt für Menschenrechte, ermittelt aber gelegentlich auch in aussichtslos erscheinenden Kriminalfällen. Meist sucht er nach Verschwundenen, die in der Region zwischen die Fronten von Politik und Geheimdiensten geraten sind. In dem jetzt auf Deutsch vorliegenden Band „Erinnerung an die Toten“ hat Morgado einen besonders heiklen Fall zu lösen.

Der Gouverneur von Baja California starb 1963 in einem Motel bei San Diego an Herzversagen, als er sich mit einer seiner zahlreichen Geliebten traf. Das zumindest war die offizielle Version. Etliche Jahre später hegt nun die Tochter des damaligen Gouverneurs Zweifel an der Geschichte und beauftragt Morgado mit den Nachforschungen. Er soll klären, ob ihr Vater ermordet wurde.

Allerdings ziehen bei weitem nicht alle Familienmitglieder an einem Strang. Der Bruder der Klientin hat es zum Senator in Kalifornien gebracht und ist zudem aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat. Entsprechend schwierig gestalten sich Morgados Ermittlungen. An der Grenze zur USA wird er um ein Haar erschossen und in den Staaten angekommen scheint das FBI über jeden seiner Schritte schon im Voraus bescheid zu wissen. Der Senator von Kalifornien hat keinerlei Interesse an der Aufklärung des Falles. Der Tod seines Vaters scheint ihn nicht zu interessieren und doch ist ihm Morgado nicht unwillkommen:

„Sie sind nicht unser Freund, aber auch nicht unser Feind“, sagt er. „Nur…“. „Ein Stein im Schuh“, ergänzt Morgado. „Eher ein herrenloser Spürhund.“

Ob das denn nicht gefährlich sei, will Morgado wissen, in einer Welt, „in der doch alles weiß oder schwarz, Demokratie oder Terrorismus ist?“ Der Senator winkt ab. „Sie waren, sind und werden immer ein Instrument sein, wie wir alle. Eine Art Werkzeug.“

Trotz dieser vollmundigen Ansage macht sich Morgado auf die Suche nach der Wahrheit und spürt zwischen Mexicali und San Diego nach und nach die Beteiligten von damals auf. Fast jeder ist Zeuge, wie Verdächtiger, so dass die Geschichte mit jeder Befragung die Richtung ändert. Morgado fügt die Puzzleteile ineinander und merkt erst spät, dass er, wie angekündigt, Teil eines großen Geheimdienst-Spiels geworden ist – einer Partie, die bereits 1963 voll in Gang war.

Trujillo Muñoz stößt in seiner verwinkelten Geschichte immer wieder Fenster in die Sechziger Jahre auf. Er erzählt kantig und mit großer Klarheit. Seine Sprache ist trocken und prägnant, dabei immer wieder bildreich und assoziativ, sein Humor schwarz, aber nicht zynisch. Der 1958 in Mexicali geborene, bereits vielfach ausgezeichnete Trujillo Muñoz, früher Chirurg, heute Professor für Kommunikationswissenschaft, ist ein politischer Autor, der literarisch die historischen Schichten seiner Heimat aufdeckt. Dafür hat er seinen Detektiv Morgado ins Rennen geschickt, den er einen „Ausgräber“ nennt, einen, „der die Realität des Lebens an der Grenze freilegt, der die Gewalt dokumentiert“. So stolpert Morgado bei seinen Ermittlungen fast zwangsläufig über Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

Kreativität, sagt der Autor, entstehe zu Hause, dort, „wo die ältesten und gleichzeitig modernsten, die lokalsten und gleichzeitig globalsten Dinge zu finden sind“. Wer an dieser scharf bewachten Grenze wohnt, darf das ruhigen Gewissens sagen. Nicht umsonst gilt Trujillo Muñoz als die Stimme der „frontera“. Denn seine Geschichten vom nördlichen Rand Mexikos zeigen deutlich, wie illusorisch die Vorstellung von Peripherie und Zentrum doch ist. „Erinnerung an die Toten“ ist bereits der zweite, auf Deutsch vorliegende Band des Autors und liefert wieder einmal souveräne, zupackende Wüstenprosa.

Gabriel Trujillo Muñoz: Erinnerung an die Toten. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Unionsverlag, 246 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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