Mechtild Borrmann: Morgen ist der Tag nach gestern

knvmmdb-19.dllEin Haus im kleinen Ort Ness brennt bis auf die Grundmauern ab. Unter den Trümmern liegt ein Toter. Erschossen. Kurz darauf findet die Polizei eine zweite Leiche. Und dann einen Computer mit Kinderpornos. Der erste Tote ist der Hausbesitzer. Gustav Horstmann hieß er, war ehemaliger Stadtrat und Beisitzer einer Stiftung, die sich um in Not geratene Familien kümmert. Just aus diesen Familien sind in den vergangenen Jahren Kinder verschwunden.

Nach und nach deckt die Kripo Kleve Zusammenhänge auf, fügt Puzzleteile zusammen, ohne dass sich ein stimmiges Bild ergibt. Nicht ins Bild passt da etwa, dass der Hausherr tot in seinem Feriendomizil liegt, wo er doch die Sommermonate in Korsika zu verbringen pflegte. Auch nicht ins Bild passen will der Nachbar Frank Zech, ein kauziger, junger Mann, der noch bei seiner Mutter wohnt und den Fortgang der Aufräumarbeiten mit dem Fernglas beobachtet.

Die 1960 geborene Mechtild Borrmann erzählt ihre Geschichte aus drei Perspektiven. Das sind einmal die präzise beschriebenen Ermittlungsarbeiten der Polizei, dann die eigenwillige Welt des Nachbars Frank Zech und schließlich das schriftliche Geständnis eines Blumengroßhändlers, dessen Tochter zwei Jahre zuvor verschwand und der von der Polizei, wie seiner Frau fälschlicherweise verdächtigt wird, die Tat begangen zu haben. Die drei dramaturgisch gleich gewichteten Erzählstränge flicht Borrmann gekonnt immer enger zusammen. Zudem nimmt sie ihre Figuren ernst, zeichnet sie weit abseits gängiger Stereotypen. Dadurch gewinnt ihre klug erzählte, komplexe Geschichte gleichermaßen an Glaubwürdigkeit, wie Intensität und hält am Schluss gar noch die eine oder andere Wendung bereit.

Die Perspektivwechsel trägt Borrmann bis in die Kapitel, wo sie nur zu gern von Figur zu Figur springt, so dass selbst Alltagssituationen eine eigene Spannungsebene erhalten. Da können die Leser beispielsweise dem Nachbarn dabei zusehen, wie ihm von Kapitel zu Kapitel die Welt entgleitet, wie sich Gefüge auflösen und der zuvor in bürgerliche Lügen gebettete Wahnsinn zutage tritt. Die Autorin schafft eine packende Atmosphäre, indem sie auch Kleinigkeiten größte sprachliche Aufmerksamkeit schenkt und passende, unverbrauchte Bilder findet.

In „Morgen ist der Tag nach gestern“ – dem zweiten Roman der Autorin – macht Mechtild Borrmann einfach alles richtig. Sie erzählt ökonomisch und mit viel Gespür für ihre Figuren und deren Lebenswelten, wählt eine Erzählstruktur, die zwar nicht neu ist, die sie aber perfekt ausfüllt und sie meistert ein schwieriges Thema, ohne Schwermut zu verbreiten oder auch nur einmal über einfältige Muster zu straucheln. Ein gutes Buch von einer Autorin, bei der man sich auf kommende Romane freuen darf.

Mechtild Borrmann: Morgen ist der Tag nach gestern. Pendragon-Verlag, 224 Seiten, 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.