Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck

knvmmdb-8.dllGroß und wunderlich ist die Welt, noch wunderlicher die Welt des Heinrich Steinfest. Denn sie hat einiges mehr aufzuweisen, als die bekannte, wenngleich der Autor behauptet, es sei dieselbe. Gut möglich, in Momenten, in denen keiner hinschaut. Genau diese Momente nämlich sind das Terrain des Heinrich Steinfest: Momente, in denen sich Welten öffnen. Welten freilich von ganz unterschiedlicher Tiefe. Einmal werfen da Sonnenschirme „limonadenfarbene Schatten“. An anderer Stelle geht es um nicht weniger als das Leben. Der Zweifel an der Großartigkeit der Welt sei vom ersten Augenblick vorhanden, behauptet der Erzähler. „Das macht aus uns, aus den Menschen wie den Schildkröten oder Schmetterlingen, sensible, melancholische und traurige Geschöpfe. Pessimisten von der ersten Sekunde an. Und das Schreckliche: Wir behalten recht.“

Ausgestorbene Vögel sind das Spezialgebiet von Georg Stransky, einem Zoologen, der in Heinrich Steinfests neuem Roman eine tragende Rolle spielt. Ein Apfel beendet sein trautes Familienidyll, ein Apfel, der abends durch ein Fenster in seine Wohnung geworfen wird. Eine Anruferin zwingt den Familienvater mit einer Drohung, in den Apfel zu beißen, woraufhin er ohnmächtig wird und Stunden oder Tage später in einer ärmlichen Hütte im Jemen wieder zu sich kommt. Die Polizei ist zunächst ratlos, bis sich die Kommissarin Lilli Steinbeck einschaltet. Sie ist Wienerin, mit Wahlheimat Stuttgart, hat eine höchst attraktive Erscheinung, jedoch eine auffällige Nase, die sie sich keinesfalls korrigieren lassen will. Nicht von ungefähr ist Steinbeck Spezialistin für das Aufspüren Verschwundener.

Auf der Suche nach dem verschwundenen Stransky folgt sie einer Spur nach Athen, von dort aus weiter in den Jemen und nach Mauritius, wo freilich lange nicht Schluss ist. Stuttgart spielt diesmal tatsächlich nur am Rande eine Rolle. Die Kommissarin Steinbeck wird gegen ihren Willen Teil eines Spiels, in dem Georg Stransky der Spielstein ist, um den zwei weltweit operierende, nie näher benannte Verbrecherteams spielen. Steinbecks Aufgabe ist es, ihn lebend nach hause zu bringen. Stransky ist bereits der achte von zehn Spielsteinen. Seine sieben Vorgänger überlebten die Partie nicht.

Das ist das einigermaßen stringente Grundgerüst, das diesem actionreichen Roman die Richtung gibt und gleichzeitig die Nebenschauplätze und Abschweifungen einbindet. So wirkt das Ganze vergleichsweise kompakt, ohne dass man das Gefühl bekommt, der Autor habe sich bremsen müssen. Im Gegenteil: Steinfest bleibt ein Meister in der bodenständigen Erweiterung der Welt, in der charmanten Verankerung des Unwahrscheinlichen im Realen, das gelegentlich auch nur ein Wahrscheinliches ist. Klischees sucht man bei ihm vergebens, findet stattdessen gekonnte Dialoge und eigentümliche Figuren in noch eigentümlicheren Szenarien. Bei ihm wird ein finnischer Berufskiller schon mal zum Beschützer seines Opfers oder besitzt ein altersschwacher, ketterauchender Detektiv eine Ausstrahlung, dass selbst Kugeln einen Bogen um ihn machen.

Steinfests Bilder suchen nach wie vor ihresgleichen, zeigen einen überaus präzisen Blick und jenen bissigen Humor, den man wahlweise mag oder komisch findet. Bei ihm hat ein griechischer Polizist Lippen, „die gehäkelt“ anmuten. Eine blonde Dame ist nicht unhübsch, „aber auch verzogen, knorrig, wie von zu viel Wind“. Andere sehen aus „wie gealterte Rucksacktouristen. Leute, die seit zwanzig, dreißig Jahren auf Interrail“ sind. Und Vereine seien „im Prinzip für Menschen gedacht, die es nie in ihrem Leben wirklich geschafft haben, alleine auf die Toilette zu gehen“.

Steinfest macht den Kriminalroman zur Wundertüte, ohne mit einigen elementaren Regeln zu brechen. Er bewegt sich im Genre, dehnt und streckt es, ohne ausbrechen zu wollen. Er hat sich auf hohem sprachlichen Niveau eine Nische eingerichtet, in der er seine Geschichten mit ihrem ganz eigenen, philosophischen Dreh erzählt und seinen Kapiteln schon mal Überschriften gibt, die auch Leitsätze seiner Arbeit sein könnten, etwa, wenn da steht: „Wirklichkeit ist das Fossil einer Fiktion“. Ein Gedanke, der sich mit diesem Buch aufs Unterhaltsamste vertiefen lässt.

Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck. 347 Seiten, Piper-Verlag, Klappenbroschur, 9,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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