Nury Vittachi: Shanghai Dinner

knvmmdb-90.dllHeute früh hatte großes Yin vorgeherrscht. Und doch war dieser Yin-Tag von einer Abrissbirne gestört worden, einem Gegenstand von denkbar stärkstem Yang, allenfalls übertroffen von Kanonenkugeln. Yang-Energie war brutal, unnachgiebig, schwer und sie hatte in seine Yin-Oase mit der Wucht eines Meteoriten eingeschlagen.“

Ein denkbar schlechter Start für den Feng-Shui-Meister C.F. Wong. Der ist von Singapur nach Shanghai übergesiedelt, weil er endlich richtig Geld verdienen will. Doch schon am ersten Tag wird das Gebäude abgerissen, in dem er sein Büro bezogen hat und das ist freilich nur der Auftakt zu einer überbordenden Episode, in welcher Wong und seine junge, ständig quasselnde australische Assistentin Joyce McQuinnie es mit militanten Veganern und nach Unabhängigkeit strebenden Uiguren zu tun bekommen, mit einem hoch explosiven Elefanten quer durch die Glitzermetropole Shanghai rasen – und nebenbei die Welt retten.

Aber der Reihe nach. Der Autor Nury Vittachi ist auch hierzulande längst kein Unbekannter mehr. „Shanghai Dinner“ ist bereits sein viertes Buch um den Fengshui-Detektiv, das in deutscher Übersetzung erscheint. Der 1958 in Ceylon geborene Vittachi lebt in Hongkong. Dort wurde er mit einer Zeitungskolumne berühmt, bekam aber 1997, mit dem Übergang der Kronkolonie an China, Schreibverbot. Damit wurde er, wie er selbst sagte, „zum best bezahlten Arbeitslosen Hongkongs“ und erfand den Fengshui-Detektiv. Daneben schreibt Vittachi Kinder- und Jugendbücher, moderiert Fernsesendungen auf CNN und CNBC und organisiert das Hongkonger Literaturfestival.

Da ist ebenso wenig Platz für Langeweile, wie in seinen schrägen, mit irrwitzigen Ideen voll gestopften Pressluft-Geschichten, in denen er sich mit größtem Vergnügen abarbeitet am scheinbaren Gegensatz zwischen Ost und West, Esoterik und Moderne, philosophischer Weisheit und pubertärem Geplapper.

Nach dem Verlust des eigenen Büros, gerät der begeisterte Esser Wong am Abend erneut in Schwierigkeiten. Zusammen mit anderen Feinschmeckern wird er in einem exotischen Speisetempel von militanten Veganern gekidnappt, während dort „Fisch an noch klopfenden Froschherzen“ und „Skorpion in Brühe von alten Schildkröten“ serviert wird. Der Coup ist freilich nur ein Ablenkungsmanöver, denn der Chef dieser Veganer-Armeefraktion ist ein Uigure, der für die Unabhängigkeit seines Landes kämpft. Um die Aufmerksamkeit der Welt auf diesen Konflikt zu lenken, plant er ein Attentat auf die Präsidenten von China und den USA, die sich am kommenden Tag in Shanghai treffen wollen.

Die Bombe für das Attentat hat er in einem weißen Elefanten versteckt, der beim Unterhaltungsprogramm für die Präsidenten auftreten soll. Wong und McQuinnie können den Veganern entkommen, entführen den inzwischen narkotisierten Elefanten, rasen mit ihm auf einer Palette quer durch die Millionen-Metropole, verfolgt von den amerikanischen, wie chinesischen Sicherheitskräften. Zum Showdown geht es auf den Huang-pu, denn am Fluss kennt Wong eine Stelle mit dem besten Fengshui der ganzen Stadt.

Bei aller Fabulier-Lust sind Vittachis eigentliche Stärke die Dialoge. Seitenweise lässt er Ostler und Westler grandios aneinander vorbei reden. Als die chinesische Sicherheitschefin etwa von ihrem amerikanischen Kollegen gewarnt wird: „Es steckt eine Bombe im Elefanten“, vermutet sie dahinter lediglich eine amerikanische Redewendung mit sexueller Anspielung. Bei Vittachi wird alles zu einem multilingualen Potpourri, prallen Welten aufeinander – und doch versteht man sich irgendwie.

Vittachis Bücher sind ein riesen Spaß und dennoch weit entfernt vom bloßen Klaumauk. Sie erzählen vom Leben in den asiatischen Boomstädten und haben durchaus auch philosophische Qualität, die weit über die kurzen Traktate östlicher Weisheit hinaus geht, an denen Wong täglich arbeitet. Als der Fengshui-Detektiv seine Assistentin auf einem weißen Elefanten durch die Stadt reiten sieht und sie ihm zuruft, in dem Tier sei eine Bombe versteckt, fragt er sich, ob „Sprengkörper, die in einer Fata Morgana detonieren, im richtigen Leben Schaden anrichten“ können. Eine interessante Frage, der man sich mit diesem Buch an einem freien Wochenende ausgiebig widmen sollte.

Nury Vittachi: Shanghai Dinner. Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag, 9,90 Euro.

© Frank Rumpel

SWR2

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