Rainer Gross: Grafeneck

knvmmdb-20.dll„Die graugestrichenen Busse. Weiß vermalte Fenster. Dahinter sind sie gesessen, im Sonntagsstaat, Kreidekreuze auf dem Rücken, wußten nicht, was vorging mit ihnen, wussten nicht, wohin sie gebracht wurden. In Buttenhausen wusste man nichts, bis die Öfen gequalmt haben und der Rauch in Marbach sichtbar war. Bis Gerüchte durchsickerten.“

Die Öfen, von denen der 1962 in Reutlingen geborene Rainer Gross hier spricht, standen in Grafeneck, einem ehemaligen Jagdschloss süd-östlich von Reutlingen auf der Schwäbischen Alb gelegen. Dort machten die Nazis 1940 und 41 medizinische Experimente an Menschen mit Behinderung, vergasten sie anschließend und verbrannten die Leichen. Weit über 10 000 wurden dort ermordet.

Das kleine Dorf Buttenhausen liegt etwas unterhalb im großen Lautertal, nur wenige Kilometer vom Gestütshof Marbach entfernt. Buttenhausen war eine der wenigen jüdischen Landgemeinden im Süden Württembergs. Das ist der Hintergrund zu Rainer Gross’ packendem Debüt „Grafeneck“, in dem er von einer aufreibenden Spurensuche und dem schwierigen Umgang mit Schuld erzählt.

Hermann Mauser ist Anfang 60 und arbeitet als Grundschullehrer in Buttenhausen. In seiner Freizeit erkundet er Höhlen. Bei einer seiner Touren stößt er in einer schwer zugänglichen Felshalle auf die mumifizierte Leiche eines Mannes, der mit einem Genickschuss hingerichtet wurde. Nur: Wie kam die Leiche in die Höhle? Schließlich musste Mauser sich durch einen dicken Lempfropf graben, um in die unterirdische Kammer zu gelangen.

Auf die Anzugjacke des Toten ist ein weißes Kreuz gemalt – so kennzeichneten die Nazis die für Grafeneck bestimmten Menschen. Auch Mausers behinderte Schwester wurde dort ermordet. Seine Mutter erhängte sich deswegen. Mauser wuchs bei seinem Vater auf. Der war Dorfpolizist, ein „württembergischer Gendarm, der zu wissen glaubte, was Recht und was Unrecht war“. Zumindest, so dachte er, war er kein Nazi, hatte sich geweigert, Juden zu verhaften und sich einmal sogar mit gezogener Waffe einem SA-Mann in den Weg gestellt. Mauser hatte die Pistole später geerbt.

Aus genau dieser Waffe aber stammt eine Kugel, die Mauser bei seinen Nachforschungen oberhalb der Höhle aufspürt. Er muss sich fragen, ob sein Vater doch mit den Nazis kollaboriert hatte und er damit der Sohn eines Mörders ist.

Rainer Gross geht mit dem Thema, wie mit seinen Figuren sehr behutsam um. Bei ihm liefert Grafeneck nicht nur den realen Hintergrund für eine Kriminalerzählung. Der Umgang mit Schuld ist sein Stoff, zumal der Protagonist eine fremde Schuld zu seiner eigenen macht. Als Mauser bei seinen Recherchen endlich Namen erfährt, Täter und Mitläufer ausmacht, wird er beinahe selbst zum Mörder.

Die Leute in Rainer Gross’ Buttenhausen sind verschlossen. Über das Damals wird am liebsten geschwiegen. Nazis gab es nur im Nachbarort. Ein Heimatkundler erklärt einem Kommissar, warum das so ist:

„Hier in Buttenhausen, da geht’s darum, ob jemand was weiß und gewußt hat oder nicht. Die Vergangenheit, wir leben mit der. Wenn ich’s Ihnen sagen würde, dann müßte ich sagen: Ja, ich hab was gewusst, so aber kann ich sagen, ich weiß von nix.“

Gross, der mittlerweile in Norddeutschland lebt, lässt sich Zeit mit seiner Erzählung, schaut genau hin und hat einen ausgeprägten Sinn für die leisen Zwischentöne. Der Erzähler hält Abstand zu seinen Figuren und schafft es dennoch, die Feinheiten im dörflichen Beziehungsgeflecht sehr eindrücklich zu vermitteln.

Seinen Roman hat Gross auch sprachlich klar verortet, wobei gerade die regionale Sprachfärbung gelegentlich etwas bemüht oder eben fürs außerschwäbische Lesepublikum geglättet daher kommt, etwa wenn da einer sagt: „Weißt, ich schaff noch, bis der Sargdeckel drauf ist. Ich kann halt nicht anders.“ Aber das sind Ausreißer, die diesem gelungenen Debüt keinen Abbruch tun. Mit „Grafeneck“ hat Rainer Gross einen melancholischen Heimatroman geschrieben, einen ungewöhnlichen, leisen und hoch spannenden Kriminalroman.

Rainer Gross: Grafeneck. 192 Seiten, Pendragon-Verlag, 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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