Rick de Marinis: Kaputt in El Paso

3927734365_mEs hört sich nach einem harmlosen Job und leicht verdientem Geld an: mit einer lächerlichen Henkerskapuze über dem Kopf in der Ecke stehen und eine Axt halten. In einem Domina-Studio soll der ehemalige, mittlerweile in die Jahre gekommene Bodybuilder Uriah Walkinghorse, der sich mit einem Hausmeisterjob in El Paso leidlich über Wasser hält, für eine bedrohliche und authentischere Atmosphäre sorgen. Aber auch die einfachsten Sachen können schief gehen. Der Kunde stirbt an einem Herzinfarkt und für Walkinghorse beginnt damit ein Tripp, gegen den seine Midlife-Crisis Urlaub im sonnigen Süden war.

Der Tote ist ein stadtbekannter Banker, dessen Institut Drogengelder wäscht. Walkinghorse hilft der Witwe die Leiche ihres Mannes aus dem Studio nach hause zu schaffen und beginnt einige Tage später ein Verhältnis mit ihr, auch wenn er nicht einschätzen kann, auf welcher Seite sie steht. Er gerät in die Schusslinie von Drogenhändlern und plötzlich droht die Welt um ihn herum zu kippen.

Mit „Kaputt in El Paso“, der im Original etwas weniger reißerisch „Sky full of sand“ heißt, hat Rick de Marinis einen packenden Noir geschrieben. Er erzählt geradlinig von einer Höllenfahrt, die auf einem Level startet, auf dem der Wahnsinn schon als normal durchgeht. Der Gebäudekomplex, in dem der Ich-Erzähler Walkinghorse seinen Hausmeisterdienst versieht, ist heruntergekommen, bewohnt von Leuten, die nichts mehr zu verlieren haben. Ständig schlägt sich Walkinghorse mit Schnüfflern herum, die in leerstehenden Wohnungen unterschlüpfen. Seine Frau hat ihn für einen Rennfahrer verlassen. Sein größter Triumpf war der Titel des Mister West Texas, den er seinerzeit als Bodybuilder gewann.

Was sich so aussichtslos anhört, inszeniert der 1934 geborene De Marinis, der an verschiedenen Colleges als Dozent arbeitete und daneben unter anderem acht Romane und sechs Short-Story-Sammlungen veröffentlichte, als wilde Odyssee im Grenzland zwischen den USA und Mexiko, immer wieder schreiend komisch, bevor einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Gesellschaft, welche De Marinis beschreibt, ist kaputt, oben zutiefst korrupt, unten ohne Hoffnung. Der Autor ist sprachlich versiert, weiß intelligent zu erzählen und zeichnet seine durchweg schrägen und mehrfach gebrochenen Figuren glaubhaft. Allen voran der Ich-Erzähler, der sein Mathe-Studium kurz vor dem Diplom abbrach und nun versucht, so nahe am Abgrund ein einigermaßen aufrechtes Leben hinzubekommen. Ein schwieriges Unterfangen. De Marinis hat ihm eine Biographie verpasst, die ihresgleichen sucht und mit der er gleichzeitig einen abgefahrenen Familienroman entwirft. Er und seine vier Geschwister kommen allesamt aus dem Heim, adoptiert und groß gezogen von einem Methodistenpaar, die sich den Traum einer friedlichen Welt in die Familie holten und ihren Kindern alttestamentarische Namen verpassten. „Zipporah ist schwarz, genau wie Jesaja“, erklärt er. „Zacharias ist Koreaner. Bei Moses und mir ist das weniger eindeutig.“ Jesaja ist Prediger geworden, Zack ein reicher Manager und Moses ein Junkie, den seine Brüder Uriah und Jesaja gegen seinen Willen in eine Drogenkur verfrachten. Allein in dieser Geschichte steckt eine Menge Potential.

Mit „Kaputt in El Paso“ hat de Marinis einen rundum gelungenen Roman vorgelegt, stringent, vielschichtig, unterhaltsam, überaus bissig und gesellschaftskritisch. Und es ist ein Roman, in dem es nicht zimperlich zugeht. Nicht umsonst ist die deutsche Ausgabe bei Pulp Master erschienen. Weltabgewandte Bücher mit dezentem Suspense waren die Sache von Herausgeber Frank Nowatzky schließlich noch nie.

Rick de Marinis: Kaputt in El Paso. Aus dem Englischen von Frank Nowatzki und Angelika Müller. Mit einem Nachwort von Ekkehard Knörer. Pulp Master, 352 Seiten, 13.80 Euro.

(c) Frank Rumpel

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