David Peace: 1980

knvmmdb-76.dllPeace lesen ist kein Spaziergang, keine nette Abendunterhaltung. Seine Bücher sind anstrengend, seine Geschichten dunkel, aufwühlend. Der Autor mutet seinen Lesern einiges zu, erzählt intensiv, direkt, fast ohne Abstand zu seinen Figuren. Sein Thema: Der Yorkshire-Ripper, England in den späten 70er und frühen 80er Jahren, die Korruption im maroden Polizeiapparat und das Überschreiten von Grenzen. Immer wieder. Um es gleich vorweg zu sagen: Auch der dritte Teil von David Peace’ international bereits mehrfach ausgezeichnetem ‚Red-Riding-Quartett’ ist ein großartiger Kriminalroman, aber eben harter Stoff.

Die Medien tauften ihn aufgrund eines falschen, mit ‚Jack the Ripper’ unterzeichneten Bekennerschreibens, den Yorkshire-Ripper. Mindestens dreizehn Frauen gingen auf das Konto des Serienmörders, der Ende der 70er Jahre in Nordengland in der Gegend um Leeds zuschlug. Lange weigerte sich die Polizei, Verbindungen zwischen den Morden zu sehen und etliche Untersuchungen verliefen im Sand.

1980 schließlich wird Inspektor Peter Hunter vom Innenministerium damit beauftragt, sich mit einer eigenen Ermittlergruppe nochmals alle Fälle anzusehen und dabei auch die damals mit dem Fall betrauten Polizisten ins Visier zu nehmen.

Hunter war bis dahin bei der internen Ermittlung und hatte sich den Beinamen „heiliges Arschloch“ erarbeitet. Rasch stößt seine Truppe auf Ungereimtheiten. Einige Polizisten scheinen im Rotlichtmilieu aktiv gewesen zu sein. Immer tiefer bohrt er sich in den Fall, weiß bald nicht mehr, wem er noch trauen kann. Die Verbindungen reichen im Polizeiapparat bis ganz nach oben. Ein Ex-Polizist wird samt seiner kleinen Tochter brutal ermordet und Hunter selbst gerät in die Schusslinie.

Er ist von dem Fall besessen, will den Ripper fassen, bevor der noch mehr Frauen, viele davon Mütter, ermordet, zumal er mit seiner eigenen Frau kein Kind haben kann. Er leidet unter Schlaflosigkeit. Im Gepäck hat sie die Paranoia, wobei die Bedrohungen immer konkreter und die Verwicklungen immer monströser werden. Die Gegend tut das Ihre dazu:

„Ich öffne ein Fenster, draußen: eine ungemütliche Nacht und häßlicher Regen, ein gespentstischer Bahnhof und Stille. Ich hocke auf der Bettkante, hasse Leeds, hasse Yorkshire. Ich schließe das Fenster und ziehe die staubigen Vorhänge zu. Ich mache die Augen zu, lasse das Radio die Stille fressen und denke nach. So geht das immer, immer geht es so aus.“

Das ist die Stimmung. Dazu kommt die immer wahnhafter werdende Ermittlung und die zunehmend bedrohliche Situation, je näher Hunter der Wahrheit kommt. Hier arbeitet der 1967 in Yorkshire geborene Peace, der seit dreizehn Jahren mit seiner Familie in Tokio lebt, viel mit Wiederholungen: eine Tonbandbotschaft des Rippers, Radiomeldungen, Erinnerungen kreisen im Kopf des Ich-Erzählers. Seine Sprache ist präzise und schnörkellos, das Erzähltempo hoch, auch wenn die Ermittlungen immer wieder auf der Stelle treten.

Jedem Kapitel ist ein irrwitziger Monolog vorangestellt, der ohne Punkt und Komma die grausamen Morde beschreibt, mal erzählt der Ripper, dann das Opfer, wird aus einem Zeitungs- oder Polizeibericht zitiert. Wo denn die Grenzen für die Gewaltdarstellungen im Roman für ihn verlaufen, wurde der Autor in einem Interview gefragt. Seine Antwort: „Ich beschreibe die Gewalt lediglich, wie sie wirklich ist. Für mich ist also die einzige Grenze, dass die Gewalt für den Leser keine Unterhaltung, kein Vergnügen, keinen Spass bedeuten soll.“ Das ist deutlich. Peace recherchiert genau, denkt seine Geschichten konsequent zu Ende, komponiert sorgfältig, will vor allem aber wissen, warum Verbrechen passieren. Der Autor ist ein Getriebener, wie seine Figuren. Das macht sie glaubhaft, auch wenn der Gedanke daran unangenehm sein mag.

David Peace: 1980. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 460 Seiten, Liebeskind-Verlag, 22 Euro, Heyne-Taschenbuch, 8,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.