Uta-Maria Heim: Totschweigen

knvmmdb-59.dll„Ein jegliches hat seine Zeit: geboren werden und sterben, töten, weinen, hassen, klagen. Und schweigen. Alles hat seine Zeit, alles, nur die Angst nicht. Die Angst ist immer da. Sie hockt im Gebüsch. Es gibt Menschen, die begreifen das nicht. Ich frage mich, wen ich mehr hasse, die Mitwisser oder die Ahnungslosen. Vielleicht sind die Ahnungslosen die Allerschlimmsten. Das sind die Leute, die lachend in den Abgrund fahren.“

Das ist eine Stimme in Uta-Maria Heims vielstimmigem, neuen Kriminalroman. Diese Stimme erzählt die Geschichte einer aus der Welt gekippten Person, die zum Mörder wird. Allein: Sie passt auf viele Figuren im Roman. Fast jeder ist auf die eine oder andere Art verdächtig.

Vor 22 Jahren wurde in Schramberg eine auf drei Koffer verteilte Mädchenleiche gefunden. Erst jetzt konnte die Polizei das damalige Opfer mit DNA-Spuren identifizieren. Die damals 15-jährige Petra Clauss wurde nie recht vermisst. Diesen Eindruck vermitteln zumindest Familie und Bekannte. Die Nachforschungen der beiden Stuttgarter Kommissare Timo Fehrle und Anita Wolkenstein kommen nur zäh voran. Um die Tat von damals hat sich Schweigen breit gemacht.

Gerade als die Kommissare mit ihren Ermittlungen beginnen, stirbt Petras Mutter in einem Pflegeheim. Die Geschwister sind verschlossen. Ein Pfleger, der sich die letzten Monate andiente, soll einen Gutteil des Besitzes erben. Das ist die Oberfläche. Darunter lauert, worüber niemand spricht. Die Mutter war Halbjüdin, hatte ein Verhältnis mit ihrem Cousin, dessen Eltern enteignet wurden und im KZ Schömberg ums Leben kamen. Der damalige Lager-Kommandant wurde nach dem Krieg schnell rehabilitiert und fand im Ort eine Stelle als Lehrer. All dem war die damals Ermordete auf der Spur. Totschweigen lässt sich eben nichts.

Im Schwarzwald spielt die Geschichte, einer Gegend, welche die in Schramberg geborene, heute in Schorndorf lebende, 44-jährige Autorin gut kennt. Wer bei ihr allerdings auf Heimatlob oder lockere Urlaubslektüre für den Kuraufenthalt hofft, wird enttäuscht. Auch mit den biederen Seiten des Regionalkrimis und dessen schlichten Ortsabbildungen hat sie nichts zu tun. Freilich ist Heims Roman klar verortet, hat aber bei aller Kronkretheit auch etwas Schwebendes. Das Regionale ist bei ihr nur die Folie, auf der sie ihre Geschichte entwickelt.

Die bereits mehrfach ausgezeichnete Uta-Maria Heim arbeitet in ihrem Roman wieder mal mit viel, vor allem aber glaubhaftem Personal. Jeder trägt seinen Teil zum Puzzle bei, bringt eine neue Facette, einen neuen Blick ein. Heim flechtet das alles kunstvoll ineinander und streut leise Zweifel an der Glaubwürdigkeit jeder einzelnen Figur. Die Kommissare sind der Motor der Geschichte, stehen aber längst nicht im Mittelpunkt. Dadurch bleiben die Stimmen im Gleichgewicht.

Diese Zweifel an den Figuren sind keineswegs nur falsche Fährten. Im Gegenteil: Bei Heim führen alle Spuren zum Kern der Geschichte – und dabei spielt sie gekonnt mit den Erwartungshaltungen ihrer Leserinnen und Leser. Sie beobachtet genau, formuliert spitz und präzise. Ihr Blick verrät kritische Distanz und die hat sie auch ihrem aus dem Schwarzwald stammenden Kommissar Fehrle mit gegeben:

„Nichts erinnerte an die Aufmärsche, an die Sturheit der Einwohner, die alles, was ihnen nicht passte, jahrhundertelang mit Spaten und Äxten verfolgt und vertrieben hatten. Die Engstirnigkeit von einst war einer sauberen Melancholie gewichen, einer öffentlichen Putzwut, einem Pflichtbewusst-sein. Der Ort wirkte auf einem niedrigen Niveau gepflegt, und das Straßenbild spiegelte die Freudlosigkeit der beiden Friedhöfe, des alten und des neuen.“

Am Ende dieses eindrucksvollen Kriminalromans steht übrigens keine glasklare Lösung. Auch hier versteht es die Autorin, das Ganze in der Schwebe zu halten. Sie präsentiert ein komplexes Bild, auf dem einige Stellen verwischt bleiben. Für manche hat sich das Schweigen also doch gelohnt. Der Preis aber ist eine zähe, unnachgiebige Schwermut.

Uta-Maria Heim: Totschweigen. 228 Seiten, Gmeiner-Verlag, 9,90 Euro.

© Frank Rumpel

SWR2

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