Pablo de Santis: Die sechste Laterne

knvmmdb-116.dllDer 1963 geborene Autor Pablo de Santis erzählt in seinem vierten, auf Deutsch vorliegenden Roman die Geschichte vom Turmbau als Traum und Trauma der Architekten, eine fixe Idee der Menschheit und zudem eine, die für Verwirrung sorgt. Seinen Roman hat er im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt, als Türme das Bild der Städte zu prägen begannen, zu Prestigeobjekten wurden, gleichwohl für die Erbauer, wie die Nutzer.

Silvio Balestri ist ein italienischer Architekt, der zu Beginn des ersten Weltkrieges nach New York auswandert und es nicht nur dort zu einiger Berühmtheit bringt – eine Berühmtheit allerdings, die mehr dem Philosophen, als dem Architekten gilt. Balestri ist besessen von der Idee, einen zweiten Turm zu Babel zu bauen. Stetig arbeitet er an den Plänen, die das Fiktive immer detaillierter zu fassen versuchen.

Er findet Arbeit in einem Architekturbüro, das streng hierarchisch arbeitet. Im zweiten Untergeschoss werden nur Pläne kopiert und je höher man im Bürogebäude steigt, umso verantwortungsvoller und theoretischer werden die Aufgaben. Die Abteilungen sind strikt voneinander getrennt. Keiner weiß, ob es die Chefs tatsächlich gibt und auch an der Existenz der Kollegen kommen manchem Zweifel. Ballestri arbeitet sich hoch und wird schließlich mit einer heiklen Aufgabe betraut. In der boomenden Stadt tobt ein Kampf der Architekten um die höchsten Wolkenkratzer, welche die moderne Zeit in Stahl und Glas betten. Neue Ideen werden sofort von anderen Büros kopiert und Ballestri soll heraus finden, wo im Büro der Spion sitzt.

Das ist in groben Strichen die Geschichte, die allerdings von etlichen Seitensträngen begleitet, unterfüttert wird. So verschwindet etwa Ballestris Frau spurlos und es ist weniger der Verlust, als viel mehr die Konvention, die Ballestri zur Vermisstenstelle treibt. Alle paar Wochen ruft ihn der zuständige Beamte ins Leichenschauhaus, um von ihm ein „Ja“ oder „Nein“ zu hören. Befreundet ist der Architekt mit einem Unterweltler, der ein Museum für nicht gebaute Gebäude unterhält und schließlich kontaktiert ihn ein Geheimbund, der darauf achtet, dass die Hochhäuser, „als gewichtige Symbole der Moderne auch die richtigen Botschaften aussenden“.

De Santis Duktus und seine Figuren erinnern an die phantastische Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, die Geschichte selbst aber ist höchst gegenwärtig. Sie ist beschwingt, komisch und klug, dabei herrlich absurd und extrem zugespitzt. Was das denn für Botschaften seien, welche die Hochhäuser aussenden, will Balestri da von einem Boten des Geheimbundes wissen. Und der sagt: „Es gibt keine. Keine Bedeutung. Keine Botschaft. Nichts.“

De Santis Roman ist verwickelt und doch in hundert Kapiteln klar und geradlinig erzählt, er ist vielschichtig, voll gepackt mit wilden Ideen und eigenwilligen, von fixen Vorstellungen getriebenen Figuren. Ein klasse Roman, der bei weitem nicht nur für Architekten ein Vergnügen ist.

Pablo de Santis: Die sechste Laterne. Unionsverlag, 248 Seiten, 8,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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