Norbert Horst: Blutskizzen

knvmmdb-114.dllMit dem Realitätsbezug ist es immer so eine Sache, gerade beim Kriminalroman. Möglichst echt soll da alles wirken. Fragt man einen Polizeibeamten aber nach den fiktiven Kollegen erntet man in der Regel höchstens ein müdes Lächeln. Bei Norbert Horsts Büchern ist das anders. Er bekommt auch aus Polizeireihen Anerkennung, was freilich nicht das Maß aller Dinge sein muss, aber zumindest heißt, dass er das Metier kennt. Kein Wunder. Der 50-jährige Horst ist Kriminalhauptkommissar, war in etlichen Mordkommissionen tätig und arbeitet seit Jahren als Verhaltenstrainer für Polizisten. Das allein qualifiziert freilich noch lange nicht zum Kriminalautor. Norbert Horst aber hat eine ganz eigene Sprache für seinen Stoff gefunden und – kann erzählen. Für seine ersten beiden Bücher bekam er mit dem Friedrich-Glauser- und dem Deutschen Krimipreis die hierzulande höchsten Auszeichnungen im Genre.

„Der Flur ist leer. Die Tür. Drei Schritte. Thorsten hält Kontakt, seine Schulter schabt am Rücken, heiß, feucht. Durchatmen, zweimal, schneller Blick ins Zimmer. Leer. Nächster Raum, stopp, Konzentration. Na denn. Quick Pic, auch leer. Weiter zum Treppenhaus. Fünf Meter. Dieses Schreien. Vorsicht. Thorsten hält weiter Körperkontakt, hat nach hinten alles im Blick, hoffentlich.“

Das ist die Eingangsszene, die sich als bloße Übung entpuppt. Sprachlich aber schlägt Horst hier nicht nur die Stimmgabel an. Das ist der Sound seiner Bücher, den er keineswegs nur den Action-Szenen vorbehält. Auch wenn nichts passiert, hält er das Erzähltempo, indem er Szenen verdichtet, Gedankensprüngen Raum gibt und mit wenigen Strichen eindrückliche Bilder zeichnet. Die Leser verfolgen das alles aus der Sicht von Kommissar Konstantin Kirchenberg, einem erfahrenen Ermittler, Frauenheld und Zyniker aus Notwendigkeit, der seine Geschichten erzählt, ohne je „Ich“ zu sagen.

In einem Müllcontainer wird die nackte Leiche eines älteren Mannes gefunden. Die Polizei sieht Parallelen zu einem ähnlichen Fall, der sich einige Wochen zuvor zutrug. Schon bald nimmt die Kripo einen Mann fest, der sich bereits in jungen Jahren wegen Mordes verantworten musste, inzwischen aber ein scheinbar bürgerliches Leben führt, sich in einer Freikirche engagiert, Frau und Kind hat. Ein auf Serienmörder spezialisierter Kollege findet zwei weiter zurückliegende, aber ebenfalls zum Muster passende Fälle. Die Mordkommision ermittelt fieberhaft. Die Beweislage aber bleibt dünn und der Täter skizzenhaft.

Das alles ist linear und streng subjektiv erzählt. Der Protokollstil ist unpersönlich, bruchstückhaft, poesiefrei und in seiner Konsequenz phänomenal. Denn im Mittelpunkt von Horsts Büchern steht der Polizeialltag und das ist Teamarbeit, Hektik, Kompetenzgerangel, kein geregelter Achtstunden-Tag und Privates, das sich diesem Rhythmus unterordnen muss. Alltag ist aber auch kleinteilige Ermittlungsarbeit, trockenes Aktenstudium, langwierige Alibiüberprüfung, unergiebige Verhöre. All das findet mühelos nebeneinander Platz, fast, wie im richtigen Leben.

Norbert Horst ist ein genauer Beobachter, hat ein sicheres Gespür für Dialoge und Dramaturgie. Seinem Kommissar gesteht er einen soliden Zynismus zu, der allerdings nie überheblich daher kommt. Da betritt Kirchenberg mit seinem Kollegen das Büro eines Zeugen – „alte Luft mit satter Nikotinnote.“ Der Mann trägt ein kurzärmliges Hemd mit schwarzer Lederkrawatte. „Der Kopf wächst halslos aus dem Hemdkragen, wie ein roter Medizinball. Bei Wetten auf Herzinfarkt hätte der ’ne Spitzenquote.“ An anderer Stelle trifft er auf einen „kleinen, kräftigen Ringertyp. Jeans, schwarzer Lederblouson, Fokuhila-Frisur. Den muss man einfach überprüfen.“ Beim Verhör eines Verdächtigen denkt sich der Kommissar seinen Teil: „Na Bursche, die Nummer muss man erst mal bringen. Hat wahrscheinlich seit Jahren Menschen getötet, die Leichen durch die Gegend gefahren und entsorgt und macht einen auf der-Tod-bedrückt-mich.“

Norbert Horst schreibt, wie er in einem Interview sagte, „hart an der Realität entlang“, aber das, fügte er mit gewissem Understatement hinzu, könne ja schließlich auch spannend sein. Ist es. Weswegen Horst Bücher auch nicht nur auf den Nachttischen von Polizeibeamten liegen sollten.

Norbert Horst: Blutskizzen, Goldmann-Verlag, € 7,95.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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