Gabriel Trujillo Muñoz: Tijuana Blues

knvmmdb-113.dllDie Grenze ist das Thema des mexikanischen Autors Gabriel Trujillo Muñoz. Und das meint bei ihm das Spannungsfeld zwischen Mexiko und den USA, zwischen zwei Kulturen, zwei Gesellschaften, die sich da aneinander reiben, an einer Grenze, die sie gleichermaßen trennt und verbindet. „Meine Geschichten“, schreibt Muñoz, „greifen auf, was es ausmacht, an der Peripherie zweier grundverschiedener, hier zusammenprallender Welten zu leben, an der Stelle, wo die hispanoamerikanische und die angelsächsische Kultur sich überschneiden.“

Sein Protagonist ist ein Grenzgänger, ein Grenzdetektiv, wie Muñoz ihn nennt. Miguel Ángel Morgado ist Fachanwalt für Menschenrechte, nimmt daneben aber immer wieder Fälle an, in denen sein detektivisches Gespür, samt seiner Beziehungen gefragt sind. Der Band „Tijuana Blues“ versammelt gleich vier längere Erzählungen, um den Anwalt, der um der Gerechtigkeit willen auch mal zu unorthodoxen Methoden jenseits der Legalität greift.

Es ist eine feindliche Gegend, in der Muñoz, früher Chirurg und heute Professor für Kommunikationswissenschaft, seine komplexen, manchmal auch schrillen Geschichten ansiedelt, in denen Korruption, Chaos und Gewalt blühen. Seine Figuren sind Geschöpfe dieser vielschichtigen Grenzregion mit ihren eigenen Gesetzen, wo die Beatnicks einst ihr Drogenparadies so nah an der Heimat gefunden zu haben glaubten und die Geheimdienste beider Seiten seit Jahrzehnten ihre Spiele spielen.

Es sind dann auch meist spurlos Verschwundenen, die den Rechtsanwalt Morgado auf den Plan rufen, weil deren Angehörige endlich Klarheit wollen. So wird er von einem Tischler engagiert, dessen Vater ausfindig zu machen, von dem er nur ein altes Foto besitzt, das ihn zusammen mit dem Beatautor, damals noch Junkie und Waffennarr William S. Burroughs zeigt. In einer anderen Geschichte versucht Morgado zusammen mit seinen Rockerfreunden illegale Auswanderer aus der Wüste zu retten, hilft nebenbei einer Frau ihr Kind auf die Welt zu bringen und stößt auf ein vergrabenes Skelett, das auf eine Geheimdienstabrechnung aus den 50er Jahren verweist.

Der bereits vielfach ausgezeichnete Muñoz ist nicht zimperlich. In seinen Geschichten geht es zur Sache. Der Erzähler aber bleibt außen, berichtet knapp und trocken, folgt seinem Detektiv Morgado bei den Ermittlungen. Der Autor pflegt einen gnadenlos schwarzen Humor, verfällt aber nie in Zynismus. Er erzählt, um die historischen Schichten einer Region freizulegen. Man habe ihm versichert, sagt da der an der Grenze aufgewachsene, aber längst in Mexico-City lebende Anwalt Morgado zu einem alten Kumpel, der sein Geld auf der anderen Grenzseite als FBI-Agent verdient, Tijuana entwickle sich zu einem Industrie- und Wirtschaftszentrum. Darauf der FBI-Agent: „Ja. Aber man hat dir nicht gesagt, welche Industrien hier am meisten blühen. Nur ein paar: Industriespionage und Giftmüll, Religionen und Kulte, von der Kirche des gekreuzigten Außerirdischen bis hin zum kosmischen Vampir. Dazu Organhandel, Waffenschmuggel und Mietkiller und natürlich die ehrwürdigsten von allen: Fluchthilfe, Drogenhandel und Prostitution im ganz großen Stil. Das alles macht Tijuana zu einem gewichtigen Faktor auf dem weltweiten Kapitalmarkt. Tijuana ist das Las Vegas der Dritten Welt.“

Damit hat Muñoz auch gleich seine Themen umrissen. „Ich schreibe gegen das Vergessen, damit die Vergangenheit lebendig unter uns weilt und nichts und niemand der sie missbraucht und verzerrt, straffrei bleibt“, schreibt der in Baja California lebende Autor. Sein Engagement versteht er in spannende Prosa zu packen, die neugierig macht auf mehr, auch wenn, oder gerade weil „Tijuana Blues“ sicherlich kein Buch für die Tourismusbranche ist.

Gabriel Trujillo Muñoz: Tijuana Blues. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. 265 Seiten,  Unionsverlag, 8,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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