Heinrich Steinfest: Ein dickes Fell

knvmmdb-7.dllKeine Frage. „Ein dickes Fell“ ist Heinrich Steinfests ausufernstes, gewitztestes und überhaupt bestes Buch. Sicher überzeugte Steinfest auch bisher mit irrwitzigen Sprachwalzen, mit ungewöhnlichen Vergleichen, surreal anmutenden Situationen, schrägen Figuren und unmöglichen Orten. Aber so selbstverständlich, so wild mäandernd, so elegant, absurd und witzig war der zweifache Krimipreisträger noch nie.

Glücklich machen wird der in Wien aufgewachsene, mittlerweile in Stuttgart lebende Autor damit längst nicht alle. 600 Seiten Steinfest dürften einigen, die es im Kriminalroman gerne stringent, klar, geordnet und geerdet haben, ein Graus sein. Allen anderen wird „Ein dickes Fell“ nicht nur bester Unterhalter, sondern auch Augenöffner für manch sprödes Detail im Leben sein, das man bisher ein wenig zu schlicht wahrgenommen haben mag.

Markus Cheng ist ist einer der Protagonisten und Steinfest-Lesern bereits aus zwei früheren Romanen bekannt. Der chinesischstämmige, einarmige Wiener Detektiv mit seinem altersstarren und Windeln tragenden Hund Lauscher soll den Mord an einem norwegischen Botschafter aufklären oder zumindest ermitteln, ob die Tat politisch motiviert war. Sie trägt die Handschrift von Anna Gemini, Profikillerin und allein erziehende Mutter eines behinderten Sohnes. Ihren Beruf ergriff sie aus Liebe zu einem Haus, das sie sich nicht leisten konnte. Die ausschließlich privaten Aufträge vermittelt ihr Kurt Smolek, ein grauer Archivangestellter, dessen Maxime lautet, das Opfer – meist ein unliebsam gewordener Ehemann – müsse für seinen Tod stets selbst aufkommen. Smolek aber hat noch weitreichendere Interessen: Er ist auf der Jagd nach der geheimen Ur-Rezeptur des Duftwassers 4711. Das Destillat soll tote Materie zu beleben in der Lage sein und verspricht zudem ewiges Leben.

Das sind freilich nur ein paar wenige Erzählstränge, die sich da in dicken Bündeln durch das Buch ziehen. Und es sind auch nur einige der stets mit viel Bedacht gezeichneten Figuren, die diesen Roman beleben. Dazuweiß Steinfest, der von der bildenden Kunst zum Schreiben kam, höchst ungewöhnliche Vergleiche zu ziehen. „Spätestens beim zweiten Nachdenken“, so Steinfest in einem Interview, „muss klar werden, dass dieser Vergleich legitim ist. Und passender, als wenn man den direkten Weg wählte.“

Heimat, sagt da Cheng, den es von Wien nach Stuttgart, von dort nach Kopenhagen und schließlich zurück in seine Geburtsstadt verschlagen hat, „Heimat ist das Gewehr, das man sich Tag und Nacht an die Stirn hält, ohne je abzudrücken.“ An anderer Stelle kommt Cheng ein Lokal vor wie ein Planet. „Und ob ein Planet als hip oder rustikal gelten musste, war nun mal nicht die Frage. Die Frage bei einem Planeten war immer die: Ist dort Leben denkbar?“.

Überhaupt ermittelt Cheng eher wenig und verhält sich damit anders, als man es von Detektiven gemeinhein gewohnt sein mag. Cheng lässt sich treiben und wird eher zufällig an die richtigen, wenngleich meist ungesunden Orte gespült. Schließlich, meint der Erzähler, habe Cheng sich den Beruf nicht ausgesucht. „Da ging es ihm, wie einem Tier, das ja auch nicht überlegt, warum es denn ein Tier geworden war und nicht vielleicht eine Glühbirne oder ein schnellebiger Krautsalat.“

„Ein dickes Fell“ ist ein Buch der Extraklasse, das schon jetzt kilometerweit aus der diesjährigen kriminalliterarischen Flut herausragt, nicht zuletzt, weil es sich elegant jeglicher Zuschreibung entzieht. Steinfest nutzt die Form des Kriminalromans als Gerüst, um das herum er seine schräge Welt bastelt. Er ähnelt da einem Astronaut, der mit dem Schiff verbunden bleibt, auch wenn er draußen was zu erledigen hat. Steinfest schreibt quer zum Genre – bereichernd, klug, pointiert und zeigt damit aufs Neue, was sich in dieser vermeintlich fest verregelten Kriminalliteratur alles leisten lässt. Da sollten auch Leute, die beim Wort Kriminalroman zurückzucken, als hätten sie in einen Ameisenhaufen gefasst, mal wieder beherzt zugreifen.

Heinrich Steinfest: Ein dickes Fell. Piper-Verlag, 601 Seiten, 10,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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