Garry Disher: Schnappschuss

knvmmdb-115.dllDu sollst nicht schlecht schreiben“ und „Du sollst unterhalten“ sind zwei von Garry Dishers „Zehn Geboten für die Schriftstellerei“ und es ist fast unnötig zu erwähnen, dass wer solche Gebote aufstellt, keinerlei Schwierigkeiten hat, sie einzuhalten. Das gilt auch für den neuen, mittlerweile dritten Roman um den melancholischen, im südaustralischen Peninsula District nahe Melbourne arbeitenden Detective Inspector Hal Challis. Mit „Schnappschuss“ ist dem zweifachen Krimipreisträger Disher ein hochkarätiger, fein austarierter Kriminalroman gelungen, der an keiner Stelle mehr sein will, als genau das: ein Kriminalroman – allerdings einer, der die Möglichkeiten des Genres bestens zu nutzen weiß.

Der Fall für Detective Inspector Hal Challis und sein Team ist reichlich prekär. Die Schwiegertochter von Superintendent McQuarrie wird brutal ermordet. Die Ermittlungen der Polizei laufen zunächst ins Leere, nicht zuletzt, weil Challis Vorgesetzter, eben jener Superintendent, ein selbstgefälliger Bürokrat, die Untersuchungen permanent behindert. Das Handy der Ermordeten bringt die Beamten schließlich auf eine Spur, die in der Gesellschaft des Peninsula Districts für einigen Wirbel sorgt. Denn auf dem Handy finden sich Fotos einer privaten Swingerparty und auf den Fotos Anwälte, Geschäftsleute, Ärzte – und der Sohn des Superintendent McQuarrie. Allesamt haben einiges zu verlieren, zumal die Abgelichteten jeweils ein Foto von sich, aber kein Erpresserschreiben erhielten.

So simpel freilich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, sind die Geschichten des australischen Autors, der auch Kinderbücher und Romane schreibt, keineswegs. Es ist nur eine Fährte unter anderen, die er mal für seine Leser, mal für seine Ermittlercrew auslegt. Disher erzählt ungemein präzise in mehreren Strängen, die parallel laufen, sich kreuzen oder touchieren. Souverän hält er die Fäden in der Hand und verknüpft sie elegant zu einer kompakten, schlüssigen Geschichte.

Bei Disher machen sämtliche Figuren einen verwundeten Eindruck. Alle haben sie ihr Päckchen zu tragen. Challis Kollegin Ellen Destry hadert mit ihrem Eheleben, die Polizistin Pam Murphy mit ihrem Job, seit sie dazu verdonnert wurde, mit ihrem Kollegen, dem rassistischen und cholerischen John Tankard in einem engen Sportwagen durch die Gegend zu fahren. Die beiden sind Teil einer polizeilichen Charmeoffensive, bei der vorbildliche Autofahrer mit einem Geschenk überrascht werden. Das Innenleben von Inspector Challis aber ist besonders kompliziert. Schließlich wollte ihn seine Frau, mit Hilfe ihres Liebhabers ermorden. Nur knapp entging er dem Anschlag. Sie kam dafür in den Knast, terrorisierte ihn jahrelang mit Selbstmorddrohungen und erhängte sich schließlich. Challis fühlte sich dennoch verantwortlich, weshalb auch seine spätere Beziehung zu der Journalistin Tessa Kane in die Brüche ging. „Du sollst die Welt beim Schreiben nicht durch eine rosarote Brille sehen“, rät Disher. Da kann man als Leser getrost abwinken. Bei ihm besteht keinerlei Gefahr.

So wirkt bei Disher, was bei weniger versierten Autoren leicht als hanebüchenes Konstrukt enden könnte, tatsächlich echt. Er denkt nicht nur seine Geschichten, sondern auch die Biographien seiner Figuren konsequent zu Ende und lässt ihnen dennoch Raum für eine Entwicklung. Nur so kann er die großen Geschichten im Kleinen erzählen, kann Doppelmoral und Chauvinismus anprangern ohne den Zeigefinger zu heben, kann wie nebenbei die Einwanderungspolitik der australischen Regierung geißeln und ein komplexes, wenn auch düsteres Gesellschaftsportrait liefern, obwohl er einen engen Fokus wählt.

Disher konzentriert seine Geschichten, ohne auf Effekte setzen zu müssen. Denn auch dieser Challis-Roman beschreibt vor allem schnöden Polizeialltag, mühsame Spurensuche, Kompetenzgerangel, langwierige Befragungen. Und dennoch ist „Schnappschuss“ unglaublich spannend. Disher erweitert stetig den Kreis der Verdächtigen, hält alles gekonnt in der Schwebe – auch wenn die Auflösung dann fast ein wenig enttäuscht. Aber auch das hat er in seinen Geboten festgehalten: „Du sollst die Wahrhaftigkeit deiner Arbeit wertschätzen“, schreibt er da. „Einer Geschichte einen pompösen Schluss aufzupfropfen, wo eigentlich ein anderer verlangt ist, ist ein Betrug an deinem Werk, deinen Lesern und dir selbst.“ Disher hält sich daran. Zum Glück. Nicht nur das macht ihn zu einem der ganz großen Kriminal-Autoren. Einen Ruf, den er mit „Schnappschuss“ mal wieder beeindruckend gefestigt hat.

Garry Disher: Schnappschuss. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 389 Seiten, Unionsverlag, 11,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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