Martin Suter: Der Teufel von Mailand

knvmmdb-72.dllSein Violett fühlte sich an wie der Pelz eines Weidenkätzchens, sein Blau wie das Gewinde einer Schraube.“ Seit einem LSD-Trip sieht Sonia Frey die Farben nicht nur, sondern fühlt sie auch. Bei einem Regenbogen nimmt sie sogar einen zusätzlichen Streifen wahr: Er „sah aus wie der Duft von Koriander und fühlte sich an wie Maulwurfsfell.“

Sonia ist auf der Flucht, will weg aus ihrem bisherigen Leben, und bekommt zu allem Überfluss eine neue Wirklichkeit dazu. Ihre Albtraum-Ehe mit einem Banker aus gutem Haus endete mit einem Mordversuch. Sie ließ sich scheiden. Er ging in den Knast. Doch arbeitet seine betuchte Familie weiter daran, sie dazu zu bewegen, die Anzeige zurückzuziehen.

Sie flieht aus der Stadt und nimmt eine Stelle als Physiotherapeutin in einem dubios finanzierten, neu eröffneten Wellness-Hotel im Unterengadin an. Dort freilich findet sie auch keine Ruhe. Die Dorfbewohner machen aus ihrer Ablehnung gegenüber dem Hotel und seiner Mitarbeiter keinen Hehl. Im Hotel häufen sich indes seltsame Ereignisse, denen auch Sonias Kanarienvogel zum Opfer fällt – und alles scheint auf eine Engadiner Sage zurückzugehen, auf die Sonia zufällig stößt.

Der 1948 in Zürich geborene Martin Suter erzählt in seinem fünften Roman gewohnt souverän, dialogstark, leichtfüßig, bis in die Details präzise. Wie er Figuren einführt, Szenen schneidet ist meisterhaft. Er formuliert schlanke, fettfreie Sätze, mit denen er ein hohes Tempo gehen kann, aber nicht muss. Und er weiß zu verblüffen. Die Wahrnehmungsverschiebung hat er schon in „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“ in Szene gesetzt. Hier tut er es ganz sacht, wie nebenbei, um so auch die Ereignisse im Unterengadin zu erden. Wenn für Sonia die vollen Schläge der Kirchenglocke „schmeckten wie überreife Brombeeren“, wundert es nicht, wenn plötzlich auf höchst kreative Weise eine Sage lebendig zu werden scheint. Das inszeniert Suter im Übrigen gewitzt und hanebüchen genug, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er versuche sich hier an einem modernen Schauerroman.

Suter verknüpft das alles gekonnt, ohne viel zu erklären. Mühelos baut er Atmosphäre auf, hält die Spannung. Und doch wirkt sein Plot diesmal zu konstruiert. Zu perfekt passt da alles ineinander, als dass die Leser noch überrascht wären. Eine Enttäuschung ist das Buch deswegen nicht, denn die Art, wie Suter seine Geschichte zu Papier gebracht hat, ist große Klasse – und tröstet auch über einen schwachen Plot hinweg.

Martin Suter: Der Teufel von Mailand. Diogenes Verlag, 10.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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