Patrick Deville: Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker.

knvmmdb-119.dllWilliam Walker lädt seine Pistole durch. Nach all den Niederlagen weiß er jetzt, in welcher Gegend Mittelamerikas seine Flucht ein Ende finden wird. Er weiß, dass sein Leichnam hier verwesen wird, irgendwo in der Region Gracias a Dios im Nordwesten von Honduras, einem der fünf Länder, die er verwüstet hat. Aber sein Wissen ist unvollständig. Den Namen dieses dunklen und schlammigen Wasserlaufs mitten im Dschungel kennt er nicht. Es ist der Rio Tinto. Ihm bleiben noch zehn Tage zu leben.

Diesen William Walker gab es wirklich und er reizte schon die Fantasie einiger Schriftsteller und Filmemacher. Im Film „Queimada“ gab 1969 Marlon Brando den amerikanischer Abenteurer, der im 19. Jahrhundert versuchte, Mittelamerika zu erobern. In einer öden Wüstengegend Mexikos rief Walker die Republik Sonora aus. Ein mäßiger Erfolg. Zwei Jahre später fiel er mit einer lausig ausgerüsteten Truppe von Glücksrittern in Nicaragua ein und machte sich zu dessen Präsident. Sein politisches Programm war übersichtlich: der Bau eines Kanals von der Atlantik- zur Pazifikküste und die Wiedereinführung der Sklaverei. Er musste fliehen, versuchte erneut an die Macht zu kommen. 1864 schließlich wurde Walker, nachdem seine Truppe von der hondurianischen Armee im Dschungel aufgerieben worden war, an einem Strand bei Trujillo erschossen. Da war er 36 Jahre alt.
„Roman“ hat der Verlag auf den Umschlag geschrieben. Das ist nicht ganz falsch. Der Text des französischen Autors Patrick Deville lässt sich als Roman lesen, ist aber zugleich literarischer Reisebericht und eine kurzweilige Geschichte der mittelamerikanischen Revolutionen. Deville erzählt aus der Ich-Perspektive in kurzen Kapiteln von einer Reise kreuz und quer durch das heutige Mittelamerika auf den Spuren William Walkers. In diese literarische Spurensuche mischen sich die Lebensgeschichten zahlreicher Revolutionäre, die in Statuen oder Straßennamen überall präsent sind. Deville schreibt packend, voll leisem Humor immer dicht am Leben lang. Daraus entsteht ein in seiner fotografischen Brillanz immer wieder überraschendes Kaleidoskop, ein vielschichtiges Mosaik, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart permanent überschneiden.
So erzählt Deville etwa vom Leben und Sterben Simon Bolívars, der halb Lateinamerika vom spanischen Joch befreien wollte. Er erzählt von Augusto César Sandino, der erst Gewerkschaftsführer, dann Untergrundkämpfer war, eine Zeitung und eine Kommune gründete, zu sehr an das Gute im Menschen glaubte und 1934 von General Somoza ermordet wurde. Nach ihm benannten sich die Sandinisten, zu denen auch der Dichter und Priesterrebell Ernesto Cardinal gehört. Von Che Guevara erzählt er, dem Kampfgefährten Fidel Castros, der später in dem Land erschossen wurde, das den Namen Bolivars trägt.
Dabei hält der 1957 geborene Deville kritische Distanz zu seinem Stoff, ist keineswegs ein Begeisterter, der seinen Idolen auf der Spur ist. Er erzählt von Visionen und den Kräften, die sie freisetzen, aber auch von korrumpierter Macht, von gescheiterten Utopien, Verrat und Größenwahn. Die Taten der Revolutionäre sind nur noch schwer zu trennen von den Mythen, die sich um sie gesponnen haben. Um das zu illustrieren hat sich der Erzähler einen Gewährsmann zur Seite gestellt, dem er in einer Fischerkneipe begegnet:

Er war ein großes Gespenst, trug einen schmutzstarrenden Regenmantel und eine knallrote Baseballkappe mit langem Schirm und saß allein an einem Tisch vor einem Haufen verstreuter Papiere und dem Schwarzweißfoto einer Frau mit langem schwarzen Haar. Er redete mit sich selbst, wurde dabei immer lauter, schwenkte manchmal ein Blatt, manchmal das Foto, meistens aber sein Glas. Offenbar ein Überlebender irgendeiner, vernichteten sandinistischen Gruppe. Dieser verirrte Mensch, dessen dunkle Vergangenheit zur Gänze auf den Grund des Pazifiks gesunken war, meinte, er sei eines Morgens an einem Strand in Panama neben jenem Köfferchen aus schwarzem Polyester aufgewacht, das nun auf einem Stuhl neben ihm lag und darin habe er die wenigen Hinweise auf seine entschwundene Vergangenheit und die Fotografie dieser unbekannten Frau gefunden.

Der Text ist sprunghaft wie eine Zeitungslektüre, denn genau die hat sich der Erzähler als Motiv gewählt. In den aktuellen Blättern verfolgt er beim morgentlichen Kaffee in kleinen Bars die politische Lage Nicaraguas, trifft sich für seine Nachforschungen aber auch mit Journalisten, Schriftstellern und ehemaligen Kämpfern. Daneben studiert er historische Zeitungen, um das revolutionäre Dickicht zu lüften. Deville hat genau recherchiert und nimmt sich dennoch die Freiheiten eines Romanautors. Seine Sprache ist pointiert und knapp. Seine Bilder sind schnörkellos und kraftvoll, wie eine Passage zu William Walkers letzten Tagen zeigen mag:

Der kleine, hinkende Mann verkriecht sich mit den Trümmern seines Ruhmes und seines Hochmuts in einer der Baracken, seinem letzten Palast, aus dem er vielleicht, so zumindest stelle ich es mir gern vor in dem Moment, da ich ihn seinem zehnfach verdienten Schicksal überlasse, einen Tapir oder einen Ameisenbären verjagt, der dort vor den tropischen Regenfällen Zuflucht gesucht hat.

„Pura Vida“ – das reine Leben hat Deville sein Buch genannt, denn ihm begegnet der Erzähler auf seiner Reise immer wieder. Schließlich sei der idiomatische Ausdruck aus Costa Rica, schreibt Deville, „das schönste Kompliment, das man dem Leben machen kann. Sofern dieses es dann und wann verdient.“

Patrick Deville: Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker. Aus dem Französischen von Holger Fock. Haymon-Verlag, 19,90 Euro. Taschenbuch: btb, 9 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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