Charles Willeford: Ketzerei in Orange / Die Schwarze Messe

Man darf es wohl durchaus als verlegerische Großtat bezeichnen, dass der Maas-Verlag sich zweier frühen, bisher nicht übersetzten Romane des 1988 im Alter von 79 Jahren verstorbenen Charles Willeford angenommen hat. Zeigen sie doch beide, dass Willeford, der mit seinen Hoke-Mosley-Kriminalromanen auch hierzulande einen späten Erfolg hatte, zweifellos zu den großen, amerikanischen Autoren zählt.

Ketzerei in Orange

pulp19Das im Original 1971 erschienene „Ketzerei in Orange“ ist eine bösartige und konsequent zu Ende gedachte Groteske auf den Kunstbetrieb. Charles Figueras ist ein selbstgefälliger Chauvi, der in Florida als Kunstkritiker arbeitet. Er will der beste seiner Zunft werden und wirft dafür sämtlichen moralischen Ballast über Bord. Die große Gelegenheit bekommt er von einen Sammler vermittelt, als der ihm den Aufenthaltsort des weltberühmten, französischen Künstlers Jacques Debierue verrät, dem Begründer des „nihilistischen Surrealismus“. Im Gegenzug soll ihm Figueras ein Bild des Malers klauen.

Nur vier Kritiker durften bisher Debierues Bilder sehen und über sie schreiben. Öffentlich gezeigt wurden sie nie. Sein legendärer Ruf fußt auf heißer Luft. Figueras schwebt in der Erwartung seiner großen Chance und schlägt hart auf, als er dem Künstler persönlich begegnet. Da sind Ehrgeiz und Wahnsinn aber schon so weit ineinander verschränkt, dass der Kritiker völlig den Boden verliert – und es dennoch schafft.

Die schwarze Messe

pulp20Der eigentlich große Coup aber ist der ebenfalls erstmals auf Deutsch vorliegende Band „Die schwarze Messe“. Es ist ein grandioser, bissiger Gesellschaftskommentar, der mit einem Schlag gleichwohl mit der Religion, wie der amerikanischen Doppelmoral in den 50ern abrechnet. Selbst fünfzig Jahre später ist der Stoff im Kern noch einigermaßen aktuell.

Sam Springer, ein ehemaliger Buchhalter und gescheiterter Schriftsteller verlässt über Nacht seine Frau, um ein neues Leben zu beginnen. Der zwielichtige Abt eines verlassenen Klosters weist ihm den Weg, indem er ihn als Deuteronomius Springer kurzerhand zum Priester ernennt. Er überträgt ihm, einem Weißen, die Leitung einer schwarzen Kirchengemeinde in Jacksonville/ Florida. Springer, dessen Religionskenntnisse sich auf ein paar zufällige Kirchenbesuche beschränken, wirft sich mit Inbrunst in die neue Aufgabe und erkennt schnell, welche Macht ihm der Posten beschert.

Er ist gewillt, sie redlich auszunutzen, lässt sich von den Geschäftsleuten am Ort aushalten und wettert auf Teufel-komm-raus von der Kanzel. Sein Publikum ist begeistert und Springer sieht das als Bestätigung. Schließlich, so die Lehre des Abts, seien Pfarrer Schwindler und die ungläubigsten Prediger die erfolgreichsten. Er bändelt mit der hübschen Frau eines Gemeindemitgliedes an, deren Mann er weismacht, ein Engel habe ihm den Auftrag gegeben, in der bisher kinderlosen Ehe auszuhelfen. Er initiiert in der überwiegend schwarzen Bevölkerung von Jacksonville einen Busboykott zur Aufhebung der Rassentrennung und bedient sich derweil an den Spendengeldern.

Das sind freilich längst nicht alle Volten, die Willeford in dieser, im Original bereits 1958 erschienenen, von wilden Ideen überbordenden Geschichte schlägt. Springer bleibt, bei allem, was er versucht, Buchhalter, der seinen großspurigen Träumen vom angenehmen Leben nicht gewachsen ist. Auch Charles Figueras aus „Ketzerei in Orange“ träumt vom großen Durchbruch, vom Leben an der Spitze und merkt viel zu spät, dass dort oben nichts ist. Willeford, der als Vollwaise auf der Straße aufwuchs, früh zur Armee ging und später an der Uni Literatur unterrichtete, weiß um die menschlichen Abgründe und setzt sie in beiden Romanen konsequent in Szene.

Charles Willeford: Ketzerei in Orange. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Überarbeitet von Heinz Scheffelmeier.

Die Schwarze Messe. Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp-Master, 219/ 290 Seiten, Broschur, jeweils € 12,80.

(c) Frank Rumpel

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