Paco Ignacio Taibo II/ Subcomandante Marcos: Ungequeme Tote

knvmmdb-117.dll„Was länger dauert als sechs Monate ist entweder eine Schwangerschaft oder nicht der Mühe wert“, sagte der Sub zu mir“, sagt Elias Contreras, der indigene Detektiv im Roman „Unbequeme Tote“. Knapp sechs Monate haben Subcomandante Marcos, der Zapatistensprecher aus dem südmexikanischen Chiapas und Paco Ignacio Taibo II, Mexikos bekanntester und bereits vielfach ausgezeichneter Krimiautor daran geschrieben. Jeweils zwei Wochen hatte jeder Zeit, um das nächste Kapitel zu verfassen. Noch während des Schreibprozesses erschienen die Texte in einer linken Tageszeitung.

Ein Bote hatte Taibo die Anfrage von Marcos überbracht. Persönlich begegnet sind sich Taibo und der noch immer gesuchte Marcos vorher und auch währenddessen nie. Der Bote überbrachte nicht nur die Anfrage, sondern auch gleich das erste, von Marcos geschriebene Kapitel. Er habe sich gefühlt, als hätte Marilyn Monroe eben um seine Hand angehalten, sagte Taibo in einem Interview.

Marcos hat für den Roman den aus dem Jenseits berichtenden Detektiv Elias Contreras erfunden, der auf seinem Maulesel im zapatistischen Gebiet, dem Urwald des südlichen Mexikos, als „Ermittlungskommision“ der Guerillaarmee EZLN unterwegs ist, um dort Verschwundene aufzuspüren und Verbrechen aufzuklären. Taibo schickt seinen einäugigen und hinkenden „freien Detektiv“ Hector Belascoarán-Shayne ins Rennen, der bereits eine Wiederauferstehung hinter sich hat, Kette raucht, ohne Cola nicht leben kann und sein Büro mit einem Polsterer und einem Klempner teilt.

Ganze fünf Kapitel dauert es, bis sich Wald- und Großstadtdetektiv im Moloch Mexiko-City – am Revolutionsdenkmal – treffen. Marcos lässt seinen indigenen Detektiv auf eine eigenwillige Art und mit einer sehr eigenen Sicht auf die Dinge erzählen: „Es war ein bisschen ganz schön schwierig. Ich meine, sich im Monstrum zu bewegen. Andauernd fuhr mir der Kleinbus davon, wieder und wieder, also der Kleintransporter oder Mikrobus. Weil ich so zerstreut war, fuhr er mir drei Mal hintereinander davon und ich kam einfach nicht vom Fleck.“

So ähnlich geht es der Erzählung, die erst nach und nach Fahrt aufnimmt. Ein Beamter bekommt Anrufe von einem toten Freund, der in der Studentenbewegung aktiv war und 1971 ermordet wurde. Er wendet sich an Taibos Detektiv Belascoarán. Bei seinen Nachforschungen stößt der immer wieder auf den Namen eines ehemaligen Guerillakämpfers, der die Seiten wechselte und anschließend an etlichen geheimen Operationen der Regierung in Chiapas beteiligt war, auch an einem Massaker. Mit dieser historischen Spur sind auch aktuelle Themen verknüpft, wie etwa der Streit um das mitten im lacandonischen Urwald gelegene Biosphärenreservat Montes Azules und dessen Bodenschätze.

Beide Autoren sind unbestritten große Fabulierer. Bei Taibo erzählt der geheimnisvolle Anrufer die Geschichte eines mexikanischen Taco-Verkäufers, der in den Porno-Studios von Burbank/ Kalifornien im Auftrag der CIA als Bin-Laden in Videobotschaften auftritt und glaubt, er mache lediglich Werbung für Turbane und falsche Bärte. Bei Marcos darf ein homosexueller Menschenrechtsbeobachter von den Philippinen mit baskischem Nachnamen von einem verlorenen Fußballspiel gegen die Zapatisten berichten und sich dabei immer wieder fragen, was zum Teufel er eigentlich in diesem Roman zu suchen hat.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, ausufernd, verwinkelt, skurril und dennoch kein großer Kriminalroman. Dafür sind die beiden Autoren zu verschieden. Taibo bastelt weiter an seiner Version eines chaotischen, von schrägen Figuren und noch schrägeren Geschichten belebten Stadtuniversums des Molochs Mexiko-City. Seine Kapitel kommen geschmeidig und humorvoll daher. Marcos wirkt dagegen spröde, ist gefangen in der Politik und formuliert nahezu keinen Satz ohne Botschaft. Immer wieder verliert er sich im bürokratischen Klein-Klein, weil nun mal die Organisation des unabhängigen Zapatistengebietes haargenau erklärt sein will. Damit verliert die Geschichte immer wieder an Tempo und macht eindrucksvoll deutlich, dass Marcos ein wortgewandter und einfallsreicher politischer Sprecher, aber eben kein Krimiautor ist.

Ursprünglich sollte es gar ein sechshändig verfasster Roman werden. Dritter im Bunde sollte der katalanische Autor Manuel Vásquez Montalbán sein, doch starb der, bevor es soweit war. Als Hommage taucht er nun zusammen mit seinem Detektiv Pepe Carvalho als Figur auf. Das letzte Kapitel gehörte Taibo. Zum Glück, denn den Dreh, den er der Geschichte gibt, das offene, selbstironische Ende versöhnt. Kein Meisterwerk, aber eine interessante Lektüre und zudem willkommene Warteschleife bis zum nächsten Roman von Paco Ignacio Taibo II, der momentan an einer Biographie über den Revolutionshelden Pancho Villa schreibt.

Paco Ignacio Taibo II/ Subcomandante Marcos: Ungequeme Tote. Roman, Vierhändig. Aus dem Spanischen von Miriam Lang. Assoziation A, 240 Seiten, 16,80  Euro.

(c) Frank Rumpel

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