Pentti Kirstilä: Nachtschatten

knvmmdb-102.dllFür den finnischen Autor Pentti Kirstilä ist der Kriminalroman eine große Spielwiese. In seinem, im Original 1977 erschienenen Roman, wechselt er drei Mal die Perspektive. Heraus kommt eine ziemlich abgefahrene Geschichte, die zwar an allen Ecken und Enden geerdet ist und doch nur so strotzt vor Aberwitz.

Da bringt ein Mann seine Frau um, schneidet ihr nachts auf offener Straße die Kehle mit einem Rasiermesser durch. Er wird dabei beobachtet und diese Person offenbart ihm ihr Wissen in Briefen. Schließlich wird auch der Mörder tot aufgefunden. Alles deutet auf Suizid hin, doch finden sich auf dem Revolver, samt Schalldämpfer keine Fingerabdrücke.

Der erste Teil des Romans ist aus der Perspektive des Beobachters erzählt. Der zweite  ist nah an Inspektor Hanhivaara, der nun zu ermitteln hat, was die Leser bereits wissen. Bei den intensiven, detailreichen und manchmal auch für die Leser etwas zähen Befragungen im Freundeskreis des Paares, gewinnen die Figuren zunehmend an Kontur. Manch neue Fährten tun sich auf und am Ende steht zwar eine Verhaftung, aber noch nicht die makabre Lösung. Die kommt tatsächlich erst im letzten Kapitel, in dem der Mörder selbst erzählt.

Die knapp 30 Jahre merkt man dem Roman kaum an. Manche Äußerlichkeiten deuten auf die Zeit, es wird enorm viel geraucht, viel getrunken, zumindest die Mengen erinnern an die 70er Jahre. Aber sonst wirkt das Ganze zeitlos und kein bisschen angestaubt. Der 1948 geborene Pentti Kirstilä, der in seiner Heimat bereits zwei Mal den Preis für den besten, finnischen Kriminalroman bekam, schlägt einen zynischen Ton an, der seziert und kühl betrachtet, Distanz hält, selbst wenn er ganz nah an eine Figur rückt.

So ist etwa Hanhivaaras erster Gedanke, als er den Schalldämpfer auf dem Revolver des vermeintlichen Selbstmörders sieht: „Was für ein stiller, bescheidener Mann.“ Und Kirstiläs Beschreibung einer Polizeiversammlung, mag deutlich machen, wie viel Drehungen er auf kleinstem Raum vollführen kann. „Fünf Männer reichten aus, um Kairamos Dienstzimmer zu füllen. Bei fünf großen Männern wurde es eng. Und fünf große rauchende Männer waren ein Alptraum. In Kairamos Dienstzimmer befanden sich fünf große Männer, von denen drei rauchten, die Situation war daher noch erträglich. Ähnlich erträglich wie salzloses Kartoffelpüree, wenn die Alternative darin besteht, drei Monate zu hungern.“

Ein spannendes Buch, eine gewagte, aber gelungene Romankonstruktion, gekoppelt mit einem kühlen, eher lauerndem Humor, welcher der Geschichte diesen überzeugenden, leicht bitteren Unterton gibt.

Pentti Kirstilä: Nachtschatten. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara. 256 Seiten. Broschur, grafit-Verlag. € 8,95.

(c) Frank Rumpel

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