Jean-Patrick Manchette: Chroniques

Ein Kriminalroman „muss zum Bewusstsein seiner Zeit vordringen“, formulierte der Krimiautor Jean-Patrick Manchette, dessen Kolumnen und Essays zum Roman-noir jetzt unter dem Titel „Chroniques“ erstmals auf Deutsch erschienen, seinen gewaltigen Anspruch an das Genre. Er orientiert sich dabei vor allem an den amerikanischen Hard-boiled-Romanen der 30er und 50er Jahre und erklärt den Kriminalroman (den er Polar nennt) folgerichtig für tot. Selbst den von ihm begründeten, sozialkritischen Neo-Polar sieht er schon siechen.

Kriminalromane sind für ihn eine „Literatur der Krise“. Er geht sogar noch weiter: „Je größer die soziale Unruhe, desto besser die Noirs.“ So steil hat es selten jemand formuliert. Der Polar zeige, formuliert Manchette da klassenkämpferisch „kommentarlos auf, wie Wünsche und Leben der Menschen aneinander geraten, er zeigt, wie weder das Böse, noch das Gute in sich selbst definieren, sondern nur im Dschungel der Geschichte und der Gesellschaft. Der Polar ist die Geschichte des Verbrechens und Gangstertums, das heißt die Geschichte der notgedrungenen Gewalt der Armen nach dem Sieg des Kapitals.“ Kein Wunder also, dass der Kriminalroman für Manchette „die große moralische Literatur unserer Epoche“ ist. Auch wenn daran heute sicherlich einiges fragwürdig klingt, zeigt es deutlich, mit welchem Anspruch und Hintergrund sich Manchette, auch als Autor, dem Genre widmete.

Das Buch mit Texten von 1976 bis 1995 ist eine Fundgrube, weil Manchette darin einen Gutteil der französischen Serie Noir und anderer Krimireihen kommentiert und damit gleichermaßen zur Neuentdeckung, wie zum Wieder-Lesen anregt. Ganz oben stehen bei ihm Dashiell Hammet, Raymond Chandler, James Cain oder W.R. Burnett, später auch Ross Thomas oder Pierre Siniac. Sogar für die Romane von ADG, alias Alain Fournier kann er sich begeistern, wenngleich ihn dessen rechte Gesinnung immer daran hindern werde, seine Romane „voll und ganz genießen zu können.“

In seinen Kolumnen pflegt Manchette einen lockeren, bissigen Stil, dem man das Energische, vom Thema besessene in jeder Zeile anmerkt. An manchen Autoren lässt er kein gutes Haar, beißt sich etwa immer wieder an den Büchern von Ross McDonald fest, die er mit wenigen Ausnahmen „äußerst ärgerlich“, findet, „weil mit den blödsinnigsten, verschlungenen roten Fäden, Charakterzeichnungen und Metaphern-Lawinen der Polar-Geschichte versehen“. Ebenso verhasst sind ihm die Machos und Fließbandproduzenten, wie Mickey Spillane und Ian Fleming, weil sie die reaktionären, gesellschaftlichen, wie politischen Verhältnisse ihrer Zeit zementieren. „Die Welt, die sie beschreiben, ist ein Chaos ohne Tugend; ihr Werk ist ein Sandwich ohne Belag; es schmeckt nicht. Ein Polar ohne Moral ist eine Suppe ohne Salz, eine trübe Brühe.“

Auf diesem Hintergrund hat Manchette, der 1995 im Alter von nur 52 Jahren starb, für seine eigenen elf Romane den ironisch gemeinten Begriff des Neo-Polar begründet. Seine (hierzulande alle bei Distel erschienen) Bücher zeichnen sich durch gesellschaftskritische Themen und eine sehr klare, distanzierte Erzählhaltung aus, die den Romanen Wucht und Intensität verleiht. Seine Essays und Kolumnen zeigen ihn als hellwachen, manchmal etwas verstiegenen Kenner des Kriminalromans, als einen begeisterten Leser und differenzierten, stets auch politisch argumentierenden Beobachter, Einmischer und zynischen Kommentator, der weit über die Genregrenzen hinaus blickte.

Jean-Patrick Manchette: Chroniques. Essays zum Roman noir. Herausgegeben von Doug Headline und Francois Guérif. Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Vouillié. Distel-Literaturverlag.  344 Seiten, 20 Euro

(c) Frank Rumpel

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