Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde

knvmmdb-108.dll„Der Engel der letzten Stunde“ ist ein sprachgewaltiges Buch,  getragen von einer verhaltenen Wut gegenüber rechten Gesinnungen und gesellschaftlichen Schieflagen, die Manfred Wieninger mal mit und gleich danach ganz ohne ironische Distanz, aber stets  verdichtet aufs Papier bringt. Er weiß eine Geschichte knapp zu erzählen und hat bei aller Kürze doch den Hang zur Abschweifung. Wieninger verbindet diese Gegensätze mit Leichtigkeit, ohne Spannung einzubüßen, arbeitet gern nah am Klischee und weiß es doch meist elegant zu umschiffen.

Marek Miert ist ein großmäuliger Schrank von einem Mann, der, die Statur verrät es schon, gerne gut isst und trinkt, aber in einem „Marek-Miert-Wettbewerb vermutlich nur den vierten Rang belegen würde, wenn überhaupt“. Sein Auftraggeber ist ein Sterbender. Angeschlossen an eine Herz-Lungen-Maschine heuert ihn der millionenschwere Autohändler Kommerzialrat Schieder an, nach einem verschwundenen Kind zu suchen, das nicht seines ist. Ohne Erfolg ermittelt seit einer Woche die Polizei, nebst einer großen Wiener Detektei, die sich vor allem mit dem Aufspüren illegaler Einwanderer einen wenig rühmlichen Namen gemacht hat. Da scheint auch der Ex-Polizist Miert wenig Chancen zu haben, doch hilft ihm immer wieder der Zufall und das Glück, wenngleich es manchmal hart erkauft ist. Auf der Suche nach Informationen begegnet ihm nicht nur einmal ums Haar „ein böser Engel der letzten Stunde“.

Miert ist Moralist, aber einer – selten genug – der sich seine Art knarzigen Humors bewahrt hat. Auf der Suche nach dem Mädchen zieht er einen Vergleich mit den „literarischen Papierhelden“ seiner Zunft, mahnt sich, seine Phantasie in Zaum zu halten, denn „wenn unser bisschen Verstand verlöschte, wär der Rest Bühnenbild und Tod und Lächerlichkeit wie eine gekreuzigte Leberkäsesemmel. Die Würde des Untergangs wurde meist ziemlich überschätzt.“ Wieninger gelingen immer wieder erstaunlich schnörkellose Bilder. Da wirkt ein Büro „wie eine Mischung aus Neo-Bauhaus und Stadtrand von Bremen“. Auf einem stark vergrößertem Foto ist die Haut des gesuchten Kindes „körnig wie Straßenschotter“ und ein ungeliebter Konkurrent hat „eine Stimme, wie in Glas gegossene Herpesbläschen“.

Es ist der dritte Roman des 1963 geborenen Wieningers, der sich auch als Lyriker, Journalist und Essayist einen Namen gemacht hat. Zumindest in den Romanen ist sein Österreich eines voller „brauner Bagage“, die sich im aktuellen Fall besonders in Form einer gefährlich populistischen und weit verbreiteten „Österreich-Bewegung“ zeigt, die bestens organisiert und weit vernetzt ist. Ums Haar arbeitet ihnen sogar der ständig unter Geldnot leidende Detektiv zu, kann die Scharte aber noch rechtzeitig auswetzen und rettet sich mit einer völkerverbindenden, guten Tat. Das Verhältnis von Miert zu seinen Landsleuten ist etwas diffizil. Sein Wartezimmer hat er mit Stichen vom Flohmarkt geschmückt, um „so etwas wie den allgemeinen Geschmack der Österreicher zu treffen“. Unter der Hand sei ihm da auch „eine unbeholfenen Darstellung marschierender SA angeboten worden, aber so perfekt wollte ich den Geschmack meiner Landsleute dann auch wieder nicht treffen.“

Wieninger ist ein mit aktuellen Themen vollgepackter Kriminalroman gelungen, ruhig und mit viel poetischer Kraft erzählt, kantig, wuchtig und für keine Schublade passend.

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde. Hardcover, Haymonverlag, 192 Seiten, 17,90 Euro. Unionsverlag, 8,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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