Lena Blaudez: Spiegelreflex

knvmmdb-118.dllAda Simon ist Fotoreporterin, keine Detektivin. Zum Glück. Sie ermittelt nicht, sondern versucht nur ihren Job zu machen. Als ihr Freund, der Politiker Patrick, ermordet wird, bringt sie genau das in Schwierigkeiten. Ohne es zu wissen, hat sie den Mörder fotografiert und der will freilich das Foto haben. Doch ist nicht nur er hinter ihr her. Gegen Kollegen ihres ermordeten Freundes wird wegen Unterschlagung ermittelt. Es geht um Schürfrechte und eine Menge Geld aus Brüssel. Ada gerät zwischen die Fronten und versucht, ihre Haut zu retten. „Ada hatte nicht die geringste Ahnung, was sie tun könnte. Der Gecko hing solidarisch missmutig an der Wand herum und ließ trübsinnig den Kopf hängen.“

Trübsinnig freilich geht es nie zu bei Lena Blaudez. Sie treibt ihre Geschichte mit viel Tempo und Witz voran, hat ein sicheres Gespür für absurde Situationen und kommt ganz ohne erhobenen Zeigefinger aus. Die Bürokraten in ihrem Roman sind, wenn sie sich nicht eben auf der Schreibtischplatte ausruhen, unfähig, Entscheidungen zu treffen. Die Korruption blüht. Vodou ist in Benin Staatsreligion und Lebensart gleichermaßen. Das macht die Geschichte für die Fotografin keineswegs einfacher, muss sie sich doch neben ihren nicht unbeträchtlichen, weltlichen Problemen auch stets mit den Praktiken der Geisterwelt auseinandersetzen. In Benin, so erklärt ihr eine Vodou-Priesterin, nähmen nahezu alle, selbst Politiker, die Hilfe von Zauberern in Anspruch. Bezahlt würden die zwar nur bei Erfolg, seien aber dennoch „die reichsten Männer des Landes“. Auch wenn Ada nicht so recht an die wüsten Praktiken glaubt, so hat sie doch einen Heidenrespekt davor. Schließlich vertraut auch sie sich in ihrer Not einem Zauberer an. „Die Zutaten zu besorgen, die der Priester gefordert hatte, erwies sich als langwierig. Zwischen aufgeschlitzten Ratten und blutigen Affenschädeln bleckten Hundeköpfe ihre Zähne. Mumifizierte Eulen lagen neben Häuten von Echsen und Rinderknochen. Es stank bestialisch. Unter einem Berg schwarzer Fliegen fand sie das Chamäleon. Die Kolibrifedern steckten in einem Korb gleich neben den lebenden Schlangen und dem ausgeweideten Krokodil.“

Die 1958 geborene Lena Blaudez erzählt mit Verve und viel Sympathie für Menschen und Lebensweise in Benin. Ihre Figur genießt die Lebensfreude dort, kommentiert lakonisch den Europäern fremd anmutende Organisationsformen oder die bizarren Auswüchse der Korruption, ohne dabei gleich zu urteilen. Blaudez schafft es spielend, das Leben mit ein paar knappen Sätzen bildreich einzufangen: „Sie blieb am Rande der Straße stehen. Wild durcheinander wurde links oder rechts überholt, mitten hindurch brauste der Gegenverkehr. Mopeds kurvten vor ihren Füßen herum, Fußgänger wichen ihr aus. Oft balancierten sie riesige Schüsseln, Bananenstauden, Teller mit Kolanüssen, Avocadoberge, Türme aus Zigarettenschachteln. Sie rauchten im Gehen, manche warfen ihr Bemerkungen zu. Einer sprach sie auf Russisch an. Ein fast nackter Mann lag auf der Straße und trank aus einer Pfütze.“

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, hat sie doch etliche Jahre in Westafrika gelebt und dort für verschiedene Entwicklungshilfeprojekte gearbeitet. Das ist ihrem Text im besten Sinne anzumerken. Ihr Afrikabild ist weit entfernt von glatten, tourismustauglichen Klischees. Damit hat sie es dann auch als erste deutschsprachige Autorin in die sonst international ausgerichtete metro-Reihe des Zürcher Unionsverlages geschafft. Auf die Frage des Herausgebers Thomas Wörtche, warum sie ihre Erfahrungen denn zu einem Kriminalroman verarbeitet habe, meinte sie: „Weil es mir Spaß macht. Und weil ja die Ursachen für die Verhältnisse in Afrika kriminell und politisch sind.“

Lena Blaudez: Spiegelreflex. Ada Simon in Cotonou. Unionsverlag,  267 S. 9,90 €.

(c) Frank Rumpel

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